1.3 Wert, Nutzen, Kosten und Risiken

Kurz erklärt

Ein IT-Service ist nicht bereits deshalb wertvoll, weil er technisch funktioniert. Wert entsteht erst, wenn der Service einen Servicekonsumenten dabei unterstützt, gewünschte Ergebnisse zu erreichen und dabei ein angemessenes Verhältnis zwischen Nutzen, Kosten und Risiken bietet.

Der Wert eines Services wird daher nicht allein durch den Service Provider bestimmt. Er entsteht durch das Zusammenwirken von Provider, Kunde, Benutzer und weiteren beteiligten Stakeholdern.

Entscheidend ist nicht, welche Technik bereitgestellt wurde, sondern welchen wahrgenommenen Nutzen sie für die Beteiligten erzeugt.


1. Wert im Service Management

ITIL beschreibt Wert als den wahrgenommenen Nutzen, die Nützlichkeit und die Bedeutung von etwas.

Dabei sind drei Punkte besonders wichtig:

Ein technisch identischer Service kann daher für zwei Organisationen einen völlig unterschiedlichen Wert besitzen.

Beispiel

Ein Cloudspeicher mit 2 TB Speicherplatz kann für ein kleines Unternehmen sehr wertvoll sein, wenn dadurch:

Für ein anderes Unternehmen kann derselbe Service ungeeignet sein, wenn:

Wert ist keine rein technische Eigenschaft eines Services, sondern hängt vom jeweiligen Kontext und von der Wahrnehmung der Stakeholder ab.


2. Wertschöpfung statt einseitiger Wertlieferung

In einem klassischen Liefermodell könnte der Eindruck entstehen, dass ein Anbieter einen fertigen Wert produziert und anschließend an den Kunden übergibt.

Im Service Management entsteht Wert jedoch normalerweise erst durch die gemeinsame Nutzung und Ausgestaltung des Services. ITIL spricht deshalb von Wertschöpfung durch Zusammenarbeit beziehungsweise Value Co-Creation.

Daran können beteiligt sein:

Beispiel: Einführung eines Ticketsystems

Der Service Provider kann:

Die Kundenorganisation muss unter anderem:

Erst durch das Zusammenwirken beider Seiten kann das gewünschte Ergebnis entstehen.

Ein Service Provider kann die Voraussetzungen für Wert schaffen. Ob tatsächlich Wert entsteht, hängt auch davon ab, wie der Service ausgewählt, eingerichtet, genutzt und weiterentwickelt wird.


3. Ergebnisse statt bloßer Ausgaben

Für die Bewertung eines Services müssen Outputs und Outcomes unterschieden werden.

Begriff Bedeutung Beispiel
Output unmittelbares Arbeitsergebnis einer Aktivität ein eingerichteter VPN-Zugang
Outcome durch einen oder mehrere Outputs ermöglichtes Ergebnis Beschäftigte können sicher von außerhalb arbeiten
Wert wahrgenommener Nutzen und Bedeutung des Ergebnisses produktives und flexibles Arbeiten bei vertretbarem Risiko

Ein Output kann technisch vollständig erbracht worden sein, ohne dass das gewünschte Outcome erreicht wird.

Beispiel

Ein Monitoring-System wurde installiert und erfasst alle Server. Das ist zunächst ein Output.

Das gewünschte Outcome könnte sein:

Werden zwar Messwerte gesammelt, aber keine sinnvollen Warnungen erzeugt und keine Reaktionen festgelegt, ist der technische Output vorhanden, das angestrebte Outcome jedoch nicht erreicht.


4. Nutzen beziehungsweise Utility

Die Utility beschreibt, ob ein Service für einen bestimmten Zweck geeignet ist und die benötigte Funktionalität bereitstellt.

Sie beantwortet vereinfacht die Frage:

Tut der Service das, was benötigt wird?

Utility kann entstehen, wenn ein Service:

Utility wird häufig als „fit for purpose“ bezeichnet: für den vorgesehenen Zweck geeignet.

Beispiele

Service mögliche Utility
E-Mail-Service Nachrichten senden und empfangen
Backup-Service wiederherstellbare Kopien von Daten erzeugen
VPN-Service sicheren Fernzugriff ermöglichen
Ticketsystem Anfragen und Störungen strukturiert erfassen
Identitätsdienst Benutzer authentifizieren und Zugriffe steuern
Monitoring Zustände erfassen und relevante Abweichungen melden

Eine hohe Utility allein reicht nicht aus. Ein Service kann alle benötigten Funktionen besitzen und trotzdem unbrauchbar sein, wenn er beispielsweise zu häufig ausfällt oder nicht ausreichend geschützt ist.


5. Zusicherung beziehungsweise Warranty

Die Warranty beschreibt, unter welchen Bedingungen und mit welcher zugesicherten Qualität ein Service genutzt werden kann.

Sie beantwortet vereinfacht die Frage:

Funktioniert der Service zuverlässig genug und unter den benötigten Bedingungen?

Warranty kann sich insbesondere auf folgende Eigenschaften beziehen:

Warranty wird häufig als „fit for use“ bezeichnet: für die tatsächliche Nutzung geeignet.

Beispiel

Ein Videokonferenzdienst besitzt die benötigten Funktionen. Er bietet damit grundsätzlich Utility.

Für eine Organisation ist er jedoch nur dann tatsächlich nutzbar, wenn beispielsweise:


6. Utility und Warranty gehören zusammen

Utility Warranty
Was leistet der Service? Wie zuverlässig und unter welchen Bedingungen leistet er es?
für den Zweck geeignet für die Nutzung geeignet
benötigte Funktionen benötigtes Qualitätsniveau
unterstützt gewünschte Ergebnisse stellt die erforderlichen Nutzungsbedingungen sicher

Beispiel: Backup-Service

Utility

Warranty

Utility ohne ausreichende Warranty bedeutet: Der Service kann grundsätzlich das Richtige, ist aber nicht zuverlässig genug. Warranty ohne passende Utility bedeutet: Der Service funktioniert zuverlässig, löst jedoch nicht das benötigte Problem.


7. Kosten aus Sicht des Servicekonsumenten

Kosten sind nicht nur der Kaufpreis oder die monatliche Rechnung. Bei der Bewertung eines Services müssen alle relevanten Aufwände betrachtet werden.

Mögliche Kosten sind:

ITIL unterscheidet aus Sicht des Servicekonsumenten zwei grundlegende Wirkungen:

Beispiel: Managed Backup

Durch den Service entstehen unter anderem:

Gleichzeitig können andere Kosten reduziert oder vermieden werden:

Für eine sachgerechte Bewertung müssen zusätzliche Kosten und vermiedene Kosten gemeinsam betrachtet werden.


8. Risiken aus Sicht des Servicekonsumenten

Ein Risiko ist ein mögliches Ereignis, das Schaden verursachen, die Zielerreichung beeinträchtigen oder Unsicherheit erzeugen kann.

Bei Services können Risiken beispielsweise entstehen durch:

Auch bei Risiken müssen zwei Wirkungen unterschieden werden:

Beispiel: Cloudbasierter E-Mail-Service

Möglicherweise reduzierte Risiken:

Möglicherweise neu entstehende oder verbleibende Risiken:

Die Auslagerung eines Services beseitigt nicht automatisch die Verantwortung der Kundenorganisation. Risiken können übertragen, geteilt, reduziert oder akzeptiert werden, müssen aber weiterhin gesteuert werden.


9. Erfahrung und wahrgenommene Servicequalität

Die technische Leistung eines Services ist nicht der einzige Faktor für seinen Wert. Auch die Erfahrung der beteiligten Personen beeinflusst, wie der Service wahrgenommen wird.

Dazu gehören beispielsweise:

Beispiel

Zwei Provider können technisch eine Verfügbarkeit von 99,9 Prozent erreichen. Der eine informiert bei Störungen frühzeitig, nennt regelmäßig den Bearbeitungsstand und dokumentiert anschließend die Ursache. Der andere reagiert verspätet und kommuniziert widersprüchlich.

Obwohl die gemessene Verfügbarkeit gleich ist, kann der wahrgenommene Wert deutlich unterschiedlich sein.

Technische Kennzahlen müssen durch die Perspektive von Kunden und Benutzern ergänzt werden.


10. Nachhaltigkeit als Teil langfristiger Wertbetrachtung

In der aktuellen ITIL-Weiterentwicklung wird Nachhaltigkeit ausdrücklich in die Betrachtung von Wert, Outcomes, Kosten, Risiken und Erfahrung einbezogen.

Nachhaltigkeit kann verschiedene Perspektiven umfassen:

Beispiel

Eine technisch leistungsfähige Lösung kann kurzfristig einen hohen Nutzen erzeugen. Wenn sie jedoch:

kann ihr langfristiger Wert gering sein.


11. Unterschiedliche Stakeholder bewerten Wert unterschiedlich

Stakeholder mögliche Wertkriterien
Benutzer einfache und störungsarme Nutzung
Kunde Unterstützung der Geschäftsziele
Sponsor vertretbare Finanzierung und messbarer Nutzen
Service Provider zuverlässige und wirtschaftliche Leistungserbringung
Management Zielerreichung, Steuerbarkeit und Risikokontrolle
Informationssicherheit Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit
Datenschutz rechtmäßige und zweckgebundene Verarbeitung
Fachabteilung passende Funktionen und kurze Bearbeitungszeiten
Support diagnostizierbare und wartbare Lösung
Lieferant klarer Leistungsumfang und erfüllbare Vereinbarungen

Konflikte sind möglich.

Beispiel

Eine besonders strenge Authentifizierung kann die Sicherheit erhöhen, gleichzeitig aber die Benutzung erschweren. Die Aufgabe des Service Managements besteht nicht darin, nur eine Perspektive zu maximieren, sondern gemeinsam eine angemessene Lösung zu finden.


12. Wertannahme und tatsächlich erreichter Wert

Vor Einführung eines Services existiert zunächst eine Annahme darüber, welchen Wert er erzeugen soll.

Diese Annahme muss später anhand tatsächlicher Ergebnisse überprüft werden.

Vor der Einführung

Nach der Einführung

Ein erfolgreich abgeschlossenes Einführungsprojekt beweist noch nicht, dass der Service dauerhaft Wert erzeugt.


13. Wertorientierte Kennzahlen

Kennzahlen sollten nicht nur technische Aktivität messen, sondern einen Bezug zu den gewünschten Ergebnissen besitzen.

schwache oder unvollständige Kennzahl stärker wertorientierte Ergänzung
Anzahl bearbeiteter Tickets Wiederherstellungszeit und Benutzerzufriedenheit
Anzahl durchgeführter Changes Anteil erfolgreicher Changes und Auswirkungen auf den Service
Serververfügbarkeit Verfügbarkeit des vollständigen Geschäftsservices
Anzahl erstellter Benutzerkonten Zeit bis zur vollständigen Arbeitsfähigkeit neuer Beschäftigter
Anzahl erzeugter Backups erfolgreiche und getestete Wiederherstellungen
Anzahl geschlossener Incidents nachhaltig behobene Störungen und Wiederholungsrate
Anzahl automatisierter Schritte eingesparte Bearbeitungszeit und reduzierte Fehlerquote

Kennzahlen dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Eine verkürzte Ticketbearbeitungszeit wäre beispielsweise kein positiver Wertbeitrag, wenn Tickets lediglich vorschnell geschlossen werden und Benutzer anschließend neue Tickets eröffnen müssen.


14. Praxisbeispiel: neuer Remote-Work-Service

Eine Organisation führt einen Service für mobiles Arbeiten ein.

Erwartete Outcomes

Utility

Warranty

Zusätzliche Kosten

Möglicherweise vermiedene Kosten

Möglicherweise reduzierte Risiken

Möglicherweise neu entstehende Risiken

Mögliche Messgrößen


15. Typische Fehlinterpretationen

Aussage fachliche Einordnung
„Der Server läuft, also liefert der Service Wert.“ Ein laufender Server bestätigt weder die Funktion des vollständigen Services noch das gewünschte Outcome.
„Der Kunde hat bezahlt, also ist der Service wertvoll.“ Preis und wahrgenommener Wert sind nicht identisch.
„Alle vereinbarten Funktionen sind vorhanden.“ Utility kann vorhanden sein, während Warranty oder Benutzererfahrung unzureichend sind.
„Der Provider übernimmt den Betrieb, daher bestehen keine Risiken mehr.“ Risiken können reduziert oder übertragen werden, verschwinden aber nicht automatisch.
„Die Einführung wurde termingerecht abgeschlossen.“ Projekterfolg beweist noch keinen dauerhaften Servicewert.
„Die SLA-Werte wurden eingehalten.“ Einhaltung einzelner Messwerte beweist nicht, dass die geschäftlichen Outcomes erreicht wurden.
„Viele bearbeitete Tickets zeigen einen guten Support.“ Eine hohe Ticketzahl kann auch auf schlechte Servicequalität oder wiederkehrende Fehler hinweisen.
„Automatisierung erzeugt immer Wert.“ Automatisierung kann ungeeignete Abläufe beschleunigen und Fehler vervielfachen.
„Wert ist vollständig objektiv messbar.“ Messdaten sind wichtig, der Wert enthält jedoch auch wahrnehmungs- und kontextabhängige Aspekte.

16. Checkliste zur Bewertung eines Services


17. Versionshinweis: ITIL 4 und ITIL (Version 5)

Die grundlegende Wertorientierung bleibt auch in ITIL (Version 5) erhalten. Dazu gehören insbesondere:

ITIL (Version 5) hebt zusätzlich die Erfahrung der Stakeholder, Nachhaltigkeit und den gemeinsamen Lebenszyklus digitaler Produkte und Services deutlicher hervor.

Die in ITIL 4 verwendeten Konzepte Utility und Warranty bleiben für die praktische Bewertung von Serviceanforderungen relevant. Bei aktuellen Unterlagen muss jedoch immer geprüft werden, auf welche ITIL-Version und welchen offiziellen Lehrplan sie sich beziehen.


Merksatz

Wert entsteht, wenn ein Service gewünschte Ergebnisse ermöglicht, einen wahrgenommenen Nutzen bietet und Kosten sowie Risiken für die beteiligten Stakeholder in einem angemessenen Verhältnis stehen. Utility beschreibt, ob der Service das Richtige leistet; Warranty beschreibt, ob er unter den benötigten Bedingungen zuverlässig genutzt werden kann.


Quellen und weiterführende Dokumentation


Revision #1
Created 1 August 2026 20:07:26 by Admin
Updated 1 August 2026 20:42:29 by Admin