2.10 ITIL an den eigenen Kontext anpassen

Kurz erklärt

ITIL ist kein fertiger Musterprozess, der unverändert in jede Organisation übernommen werden kann.

Das Framework stellt:

  • Begriffe,
  • Prinzipien,
  • Modelle,
  • Management Practices,
  • Betrachtungsperspektiven,
  • und bewährte Orientierung

bereit.

Die konkrete Organisation muss daraus eine Arbeitsweise gestalten, die zu ihren:

  • Zielen,
  • Produkten und Services,
  • Risiken,
  • gesetzlichen Anforderungen,
  • Fähigkeiten,
  • Technologien,
  • Lieferanten,
  • und tatsächlichen Wertströmen

passt.

ITIL soll deshalb übernommen und angepasst werden.

Eine sinnvolle Anpassung bewahrt Zweck und Nutzen der Guidance, ohne unnötige Komplexität zu erzeugen.


Warum ITIL angepasst werden muss

Organisationen unterscheiden sich erheblich.

Beispiele:

Für alle diese Organisationen können ITIL-Konzepte hilfreich sein.

Sie benötigen jedoch nicht:

Merke

Gleiche ITIL-Grundgedanken können in unterschiedlichen Organisationen zu unterschiedlichen praktischen Umsetzungen führen.


Anpassen bedeutet nicht beliebig auswählen

ITIL an den Kontext anzupassen bedeutet nicht:

Eine Anpassung sollte nachvollziehbar beantworten:

Grundsatz

Anpassung verändert die konkrete Umsetzung.

Sie darf nicht dazu führen, dass der eigentliche Zweck einer Practice, Kontrolle oder Verantwortung verloren geht.


ITIL wird nicht installiert

Ein ITSM-Werkzeug kann installiert werden.

Ein Framework kann dagegen nicht wie eine Software vollständig „installiert“ werden.

ITIL stellt einen Orientierungsrahmen bereit.

Die Organisation muss selbst gestalten:

Typischer Fehler

Eine Organisation kauft ein ITSM-Werkzeug mit vorkonfigurierten ITIL-Modulen und betrachtet die Einführung damit als abgeschlossen.

Das Werkzeug kann die Arbeitsweise unterstützen. Es ersetzt jedoch keine geklärten Ziele, Verantwortlichkeiten, Fähigkeiten und Wertströme.


Die wichtigsten Kontextfaktoren

Vor der Gestaltung einer ITIL-basierten Arbeitsweise sollten mindestens folgende Kontextfaktoren betrachtet werden:

Kontextfaktor Beispielhafte Fragen
Ziele und Strategie Welche geschäftlichen und organisatorischen Ergebnisse sollen unterstützt werden?
Produkte und Services Welche Leistungen werden angeboten und wie kritisch sind sie?
Stakeholder Wer nutzt, finanziert, unterstützt oder beeinflusst die Produkte und Services?
Größe und Struktur Wie viele Benutzer, Teams, Standorte und Organisationseinheiten existieren?
Risiken Welche Ausfälle, Sicherheitsvorfälle oder Fehlentscheidungen wären besonders schwerwiegend?
Gesetze und Verträge Welche rechtlichen, regulatorischen und vertraglichen Verpflichtungen gelten?
Betriebsmodell Wird intern, extern, hybrid, agil, produktorientiert oder projektorientiert gearbeitet?
Fähigkeiten Welche Kenntnisse, Erfahrungen und Kapazitäten sind vorhanden?
Technologie Welche Infrastruktur, Anwendungen, Cloud-Dienste und Automatisierungen werden eingesetzt?
Lieferanten Welche Produkte und Services hängen von externen Anbietern ab?
Kultur Wie werden Entscheidungen, Fehler, Zusammenarbeit und Verantwortung tatsächlich behandelt?
Reife und Ausgangslage Welche Arbeitsweisen funktionieren bereits und wo bestehen erkennbare Schwächen?
Kosten und Ressourcen Welcher Aufwand ist vertretbar und welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
Veränderungsgeschwindigkeit Wie häufig ändern sich Produkte, Anforderungen und Technologien?
Erfahrung der Stakeholder Wie erleben Benutzer, Kunden und Mitarbeiter die vorhandenen Services?

Die Ziele der Organisation zuerst verstehen

Die Einführung einer Practice sollte nicht mit einem Prozessdiagramm beginnen.

Zuerst muss geklärt werden, welches Ergebnis verbessert werden soll.

Unzureichendes Ziel:

Wir möchten Incident Management einführen.

Besser:

Benutzer sollen nach ungeplanten Serviceunterbrechungen schneller wieder arbeitsfähig werden. Auswirkungen, Verantwortung und Kommunikation müssen dabei nachvollziehbar sein.

Unzureichendes Ziel:

Wir benötigen eine CMDB.

Besser:

Bei Incidents und Changes fehlen verlässliche Informationen über kritische Serviceabhängigkeiten. Dadurch dauern Analysen länger und Änderungen verursachen unerwartete Auswirkungen.

Unzureichendes Ziel:

Wir wollen ITIL-konform arbeiten.

Besser:

Wir wollen unsere wichtigsten Services nachvollziehbar steuern, Störungen verlässlich bearbeiten, Änderungen kontrollieren und wiederkehrende Fehler systematisch reduzieren.

Merke

ITIL ist ein Hilfsmittel zur Verbesserung von Produkten, Services und Outcomes.

Die Einführung von ITIL-Begriffen ist kein eigenständiges geschäftliches Outcome.


Nicht mit allen 34 Practices gleichzeitig beginnen

ITIL Version 5 enthält 34 Management Practices.

Eine Organisation muss nicht alle Practices gleichzeitig vollständig ausgestalten.

Eine sinnvollere Vorgehensweise ist:

  1. wichtige Produkte und Services bestimmen
  2. konkrete Probleme und Chancen erfassen
  3. relevante Wertströme untersuchen
  4. benötigte Practices identifizieren
  5. vorhandene Fähigkeiten bewerten
  6. wichtigste Lücken priorisieren
  7. kleine wirksame Verbesserungen umsetzen
  8. Ergebnisse messen
  9. weitere Practices oder Fähigkeiten schrittweise entwickeln

Beispiel:

Eine Organisation besitzt folgende Probleme:

Zunächst besonders relevant können sein:

Andere Practices bleiben ebenfalls wichtig, müssen aber möglicherweise nicht mit derselben Priorität entwickelt werden.


Vom Problem zur benötigten Practice

Beobachtetes Problem Möglicherweise relevante Practices
Benutzer wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Service Desk, Service Catalogue Management
Incidents werden uneinheitlich bearbeitet. Incident Management, Knowledge Management
dieselben Störungen treten regelmäßig erneut auf Problem Management, Continual Improvement
Changes verursachen unerwartete Ausfälle Change Enablement, Service Configuration Management, Service Validation and Testing
technische Abhängigkeiten sind unbekannt Service Configuration Management, Architecture Management
Hardware und Lizenzen sind nicht nachvollziehbar IT Asset Management, Supplier Management
Monitoring erzeugt zu viele unbrauchbare Meldungen Monitoring and Event Management, Continual Improvement
Lieferanten werden bei Incidents zu spät eingebunden Supplier Management, Incident Management
Benutzer erhalten unverständliche Serviceinformationen Service Catalogue Management, Relationship Management
Kapazitätsprobleme werden erst nach Ausfällen erkannt Capacity and Performance Management, Monitoring and Event Management
Wiederherstellungen sind nicht ausreichend vorbereitet Service Continuity Management, Availability Management
Wissen befindet sich nur bei einzelnen Personen Knowledge Management, Workforce and Talent Management

Diese Zuordnung ist eine erste Orientierung.

Die tatsächliche Situation kann Beiträge mehrerer Practices und Kontextfaktoren erfordern.


Die sieben Guiding Principles zur Anpassung verwenden

Die Guiding Principles unterstützen die Entscheidung, wie ITIL angemessen übernommen wird.


Focus on value

Fragen:

Beispiel:

Ein neues Pflichtfeld im Ticketsystem ist nur sinnvoll, wenn die Information tatsächlich:

ermöglicht.


Start where you are

Fragen:

Eine Organisation sollte vorhandene Fähigkeiten nicht allein deshalb verwerfen, weil sie nicht mit offiziellen ITIL-Begriffen bezeichnet wurden.

Beispiel:

Ein kleines Team besitzt bereits:

Diese Bestandteile können weiterentwickelt werden, statt ein vollständig neues und komplexes Modell einzuführen.


Progress iteratively with feedback

Fragen:

Beispiel:

Statt sofort sämtliche Serviceprozesse neu zu gestalten, kann zunächst der Incident-Wertstrom eines besonders wichtigen Service verbessert werden.


Collaborate and promote visibility

Fragen:

Eine ITIL-Einführung, die ausschließlich innerhalb eines kleinen Prozess- oder Toolteams gestaltet wird, kann den tatsächlichen Arbeitsalltag verfehlen.


Think and work holistically

Fragen:

Beispiel:

Die Einführung eines Change-Prozesses beeinflusst möglicherweise:


Keep it simple and practical

Fragen:

Merke

Einfach bedeutet nicht unkontrolliert.

Einfach bedeutet zweckmäßig, verständlich und frei von unnötiger Komplexität.


Optimize and automate

Fragen:

Ein ungeeigneter Ablauf sollte nicht unverändert automatisiert werden.


Alle vier Dimensionen berücksichtigen

Die Anpassung einer Practice muss alle vier Dimensionen einbeziehen.


Organizations and People

Zu klären sind beispielsweise:

Beispiel:

Ein neuer Incident-Prozess kann fachlich gut beschrieben sein.

Er bleibt dennoch unwirksam, wenn:


Information and Technology

Zu klären sind beispielsweise:

Beispiel:

Eine Prioritätsmatrix funktioniert nur, wenn ausreichende Informationen über:

vorliegen.


Partners and Suppliers

Zu klären sind beispielsweise:

Beispiel:

Ein Incident-Prozess ist unvollständig, wenn ein kritischer Cloud-Provider beteiligt ist, aber:

festgelegt wurden.


Value Streams and Processes

Zu klären sind beispielsweise:

Die Anpassung sollte nicht nur einen isolierten Prozessschritt optimieren.

Sie sollte den gesamten Wertstrom berücksichtigen.


Practices an Wertströmen ausrichten

Practices besitzen einen bestimmten Zweck.

Wert entsteht jedoch durch das Zusammenwirken mehrerer Practices in konkreten Wertströmen.

Beispielwertstrom:

Benutzer nach einer Störung wieder arbeitsfähig machen

Möglicherweise beteiligt:

Die Organisation sollte deshalb nicht nur fragen:

Wie sieht unser Incident-Management-Prozess aus?

Zusätzlich sollte sie fragen:


Angemessene Rollen festlegen

ITIL nennt verschiedene mögliche Rollen.

Eine Organisation muss jedoch nicht für jede Rolle eine eigene Vollzeitstelle schaffen.

Kleine Organisation:

Eine Person kann mehrere Rollen übernehmen, beispielsweise:

Große Organisation:

Diese Verantwortlichkeiten können auf mehrere spezialisierte Rollen verteilt werden.

Entscheidend ist nicht die Anzahl der Rollennamen.

Entscheidend ist, dass geklärt ist:

Wichtig

Eine Person kann mehrere Rollen besitzen.

Kritische Funktionstrennungen sowie gesetzliche und sicherheitsrelevante Anforderungen müssen trotzdem berücksichtigt werden.


Rollenbezeichnungen dürfen angepasst werden

Eine Organisation kann eigene Begriffe verwenden.

Beispiele:

ITIL-Begriff Mögliche interne Bezeichnung
Service Desk Helpdesk, IT-Support oder Benutzerbetreuung
Incident Störung
Service Request Standardanfrage oder Leistungsanforderung
Change Enablement Change Management oder Änderungssteuerung
Service Owner Serviceverantwortlicher
Supplier Management Lieferantensteuerung
Continual Improvement kontinuierliche Verbesserung oder Verbesserungsmanagement

Die interne Bezeichnung ist weniger wichtig als eine eindeutige Bedeutung.

Problematisch ist es, wenn derselbe Begriff in verschiedenen Teams unterschiedliche Bedeutungen besitzt.

Beispiel:

Das Wort „Problem“ kann im allgemeinen Sprachgebrauch jede Schwierigkeit bezeichnen.

Im ITIL-Kontext besitzt Problem Management einen bestimmten Zweck im Zusammenhang mit Ursachen oder möglichen Ursachen von Incidents.

Praxistipp

Erstelle ein kurzes internes Glossar für wichtige Begriffe.

Es muss verständlich erklären, wie die Organisation die Begriffe praktisch verwendet.


Dokumentationsumfang anpassen

Nicht jeder Vorgang benötigt dieselbe Dokumentation.

Der Umfang sollte sich richten nach:

Beispiel:

Einfache Standardanfrage

Kritischer Change

Grundsatz

Dokumentation muss eine Entscheidung, Ausführung, Kontrolle oder spätere Nutzung unterstützen.

Daten ohne erkennbaren Zweck sollten nicht nur aus Gewohnheit erhoben werden.


Kontrollen nach Risiko gestalten

Nicht jeder Vorgang benötigt dieselbe Kontrolle.

Beispielhafte Einteilung:

Situation Mögliche Behandlung
häufige, dokumentierte und risikoarme Standardtätigkeit vorab autorisierter und möglichst automatisierter Ablauf
normale Änderung mit überschaubarem Risiko angemessene Bewertung und Autorisierung
komplexe Änderung an kritischem Service vertiefte Risiko-, Abhängigkeits- und Rückfallprüfung
dringende Sicherheitsmaßnahme beschleunigtes Verfahren mit klarer Befugnis und nachgelagerter Kontrolle
strategische Veränderung Entscheidung durch entsprechend befugte Governance-Rollen

Die konkreten Kategorien und Entscheidungsbefugnisse werden von der Organisation festgelegt.

Typischer Fehler

Jede kleine Änderung durchläuft dieselben umfangreichen Freigaben wie eine hochriskante Änderung.

Dadurch entstehen unnötige Wartezeiten, ohne dass kritische Änderungen automatisch besser bewertet werden.


Priorisierung anpassen

ITIL schreibt keine universelle Prioritätsmatrix vor.

Eine Organisation kann Auswirkungen und Dringlichkeit als wichtige Kriterien verwenden.

Sie muss jedoch selbst festlegen:

Beispielhafte Faktoren:

Wichtig

Die lauteste Beschwerde darf nicht automatisch die höchste Priorität bestimmen.

Prioritäten sollten anhand nachvollziehbarer organisatorischer Kriterien festgelegt werden.


Servicekatalog angemessen gestalten

Ein Servicekatalog muss nicht jedes technische Detail enthalten.

Er sollte Informationen bereitstellen, die für die jeweilige Zielgruppe hilfreich sind.

Für Benutzer können relevant sein:

Für interne Teams können zusätzlich relevant sein:

Ein kleiner Betrieb kann mit einer übersichtlichen Serviceliste beginnen.

Ein großes Unternehmen benötigt möglicherweise mehrere Katalogansichten und umfangreichere Serviceinformationen.


Configuration Management angemessen gestalten

Service Configuration Management bedeutet nicht, jede Schraube und jedes Kabel als einzelnes Configuration Item zu erfassen.

Der benötigte Detaillierungsgrad sollte sich richten nach:

Geeignete Fragen:

Typischer Fehler

Eine sehr detaillierte CMDB wird aufgebaut, ohne zu klären, welche Entscheidungen sie unterstützen soll.

Die Daten veralten und verlieren dadurch ihren Nutzen.


Knowledge Management anpassen

Eine Wissensdatenbank muss nicht möglichst viele Artikel enthalten.

Sie sollte benötigtes Wissen:

bereitstellen.

Mögliche Wissensarten:

Eine kleine Organisation kann mit wenigen hochwertigen Artikeln für häufige und kritische Situationen beginnen.


Kennzahlen an Outcomes ausrichten

ITIL schreibt keine universellen Kennzahlen für jede Organisation vor.

Kennzahlen sollten zum Zweck der jeweiligen Practice und zum benötigten Outcome passen.

Beispiel Incident Management:

Mögliche Kennzahlen:

Nicht ausreichend ist häufig die alleinige Betrachtung von:

Beispiel Knowledge Management:

Nicht nur:

Wie viele Artikel wurden erstellt?

Sondern zusätzlich:

Merke

Eine leicht messbare Zahl ist nicht automatisch eine hilfreiche Steuerungsinformation.


Werkzeuge nach der Arbeitsweise auswählen

Ein Werkzeug sollte die benötigten Wertströme und Practices unterstützen.

Vor der Auswahl sollte geklärt sein:

Typischer Fehler

Die Organisation passt ihre gesamte Arbeitsweise an die Standardkonfiguration eines Werkzeugs an, obwohl diese nicht zu ihren Wertströmen und Risiken passt.

Gleichzeitig sollte eine unnötige Sonderkonfiguration vermieden werden.

Zu viele individuelle Anpassungen können:


Automatisierung angemessen einsetzen

Geeignete Automatisierungen können sein:

Vor der Automatisierung sollte geklärt sein:

Grundsatz

Standardisieren und optimieren, bevor automatisiert wird.

Notwendige menschliche Entscheidungen dürfen nicht unbemerkt durch ungeprüfte technische Regeln ersetzt werden.


Künstliche Intelligenz kontextgerecht einsetzen

KI kann ITIL-basierte Arbeitsweisen unterstützen, beispielsweise durch:

Der Umfang menschlicher Kontrolle muss sich nach dem möglichen Risiko richten.

Zu prüfen sind:

Beispiel:

Eine KI kann eine Ticketkategorie vorschlagen.

Die Organisation muss trotzdem regeln:


ITIL mit anderen Ansätzen kombinieren

ITIL muss nicht isoliert verwendet werden.

Es kann mit anderen Frameworks, Normen und Arbeitsweisen kombiniert werden.

Ansatz Möglicher Beitrag
Agile iterative Entwicklung, Feedback und Anpassungsfähigkeit
Scrum strukturierte Arbeit in Produktentwicklungsteams
Kanban Visualisierung und Verbesserung des Arbeitsflusses
DevOps Zusammenarbeit, Automatisierung und schnelle zuverlässige Bereitstellung
Lean Fluss verbessern und vermeidbare Arbeit reduzieren
COBIT Governance und Steuerung von Information und Technologie
ISO/IEC 20000 Anforderungen an ein Service-Management-System
ISO/IEC 27001 Anforderungen an ein Informationssicherheitsmanagementsystem
Projektmanagement zeitlich begrenzte Vorhaben planen und steuern
Enterprise Architecture Strukturen, Abhängigkeiten und Zielarchitekturen gestalten
Site Reliability Engineering Zuverlässigkeit, Automatisierung und messbare Betriebsziele
Business Continuity Management Fortführung kritischer Geschäftsaktivitäten vorbereiten

Die kombinierte Arbeitsweise sollte keine unnötigen parallelen Strukturen erzeugen.

Zu klären ist:


ITIL und agile Arbeitsweisen

ITIL und agile Arbeitsweisen schließen sich nicht aus.

Gemeinsame Grundgedanken können sein:

Mögliche Verbindung:

Typischer Fehler

Jeder agile Sprint wird durch zusätzliche schwerfällige Freigabeverfahren verzögert, obwohl automatisierte Tests, klare Entscheidungsrechte und risikoarme Standardänderungen vorhanden sind.

Ebenso problematisch ist:

Mit dem Hinweis auf Agilität werden notwendige Sicherheits-, Qualitäts- oder Governance-Kontrollen vollständig umgangen.


ITIL und DevOps

DevOps fördert die Zusammenarbeit von:

ITIL kann dazu beitragen:

Mögliche gemeinsame Umsetzung:


ITIL und ISO/IEC 20000

ITIL stellt anpassbare Best-Practice-Guidance bereit.

ISO/IEC 20000 enthält Anforderungen an ein Service-Management-System.

Vereinfacht:

ITIL ISO/IEC 20000
Best-Practice-Framework internationale Norm
anpassbare Guidance prüfbare Anforderungen
beschreibt Konzepte und Practices fordert ein wirksames Managementsystem
keine allgemeine Organisationszertifizierung durch ITIL Organisationen können sich im festgelegten Geltungsbereich zertifizieren lassen

Eine Organisation kann ITIL-Guidance verwenden, um ihr Service-Management-System zu gestalten.

Die Erfüllung einzelner ITIL-Empfehlungen beweist jedoch nicht automatisch die Konformität mit ISO/IEC 20000.


Nicht „ITIL-konform“ als allgemeines Ziel verwenden

ITIL ist ein anpassbares Framework und keine Norm mit einem universellen Organisationszertifikat.

Die Aussage:

Unsere Organisation ist vollständig ITIL-konform.

ist deshalb häufig unpräzise.

Besser ist eine konkrete Beschreibung:

Wichtig

Zertifizierte Personen, akkreditierte Schulungen oder bewertete Werkzeuge beweisen nicht automatisch die Wirksamkeit des gesamten Service Managements einer Organisation.


Kleine Organisationen

Eine kleine Organisation benötigt möglicherweise:

Nicht zwingend erforderlich sind:

Merke

Klein bedeutet nicht unprofessionell.

Auch einfache Arbeitsweisen können verlässlich, kontrolliert und nachvollziehbar sein.


Große oder regulierte Organisationen

Eine große oder regulierte Organisation benötigt möglicherweise:

Trotzdem sollte auch hier unnötige Komplexität vermieden werden.

Ein umfangreicher Ablauf ist nur dann gerechtfertigt, wenn er:


Managed Service Provider

Ein Managed Service Provider muss zusätzlich berücksichtigen:

Ein standardisierter interner Ablauf kann sinnvoll sein.

Er muss jedoch unterschiedliche Kundenanforderungen und Vertragsbedingungen berücksichtigen.

Beispiel:

Ein Incident derselben technischen Plattform kann für zwei Kunden unterschiedliche:

besitzen.


Cloud- und SaaS-Umgebungen

Bei Cloud-Services sollte die Anpassung unter anderem berücksichtigen:

Traditionelle Aufgaben können sich verändern.

Beispiel:

Die Organisation tauscht möglicherweise keine defekten physischen Server mehr selbst aus.

Sie bleibt jedoch verantwortlich für:


Öffentliche Verwaltung und regulierte Bereiche

Zusätzlich relevant können sein:

Diese Anforderungen dürfen nicht als unnötige Bürokratie entfernt werden.

Sie sollten jedoch so gestaltet werden, dass:


Praktische Vorgehensweise zur Anpassung

Die folgende Vorgehensweise ist eine redaktionelle Praxisempfehlung dieses Buches.

Sie ist keine verbindlich vorgeschriebene offizielle ITIL-Schrittfolge.


1. Ziele und Probleme bestimmen

Erfasse:

Ergebnis:

verständliche Beschreibung, warum eine Veränderung notwendig ist


2. Kritische Produkte und Services bestimmen

Fragen:

Ergebnis:

priorisierter Ausgangspunkt statt unkontrollierter Bearbeitung aller Bereiche


3. Tatsächliche Wertströme untersuchen

Beispiele:

Untersuche:


4. Benötigte Practices bestimmen

Fragen:


5. Aktuellen Zustand bewerten

Bewerte unter anderem:

Ergebnis:

realistische Baseline statt rein theoretischer Sollbeschreibung


6. Zielzustand bestimmen

Der Zielzustand sollte beschreiben:

Er muss nicht sofort den endgültigen Idealzustand darstellen.

Ein sinnvoller nächster Zustand kann ausreichend sein.


7. Kleinste wirksame Verbesserung auswählen

Beispiele:


8. Verantwortlichkeit und Governance klären

Bestimme:


9. Iterativ umsetzen

Verwende nach Möglichkeit:


10. Wirkung messen

Prüfe:


11. Ergebnisse verankern

Aktualisiere bei Bedarf:


12. Fortlaufend verbessern

Erfasse neue:

Anpassung ist keine einmalige Einführungsphase.

Sie bleibt Teil von Continual Improvement.


Minimum Viable Practice

Eine Organisation kann zunächst eine bewusst begrenzte, aber funktionsfähige Ausprägung einer Practice gestalten.

Eine solche erste Ausprägung sollte mindestens klären:

Beispiel: erste Incident-Management-Ausprägung

Später können ergänzt werden:

Wichtig

Eine minimale Practice darf nicht so stark reduziert sein, dass ihr grundlegender Zweck nicht mehr erfüllt wird.


Pilotierung

Ein Pilot kann helfen, eine angepasste Arbeitsweise zu prüfen.

Geeigneter Pilotumfang:

Vor dem Pilot sollten festgelegt werden:

Nach dem Pilot wird entschieden:


Organizational Change Management

Die Anpassung von ITIL verändert möglicherweise:

Technische Bereitstellung allein reicht deshalb nicht aus.

Zu berücksichtigen sind:

Typischer Fehler

Ein neuer Prozess wird veröffentlicht und die Organisation erwartet, dass alle Beteiligten ihn ab dem nächsten Tag korrekt anwenden.


Zwischen lokaler Verbesserung und Transformation unterscheiden

Nicht jede Anpassung benötigt ein großes Transformationsprogramm.

Lokale Verbesserung

Beispiele:

Practice-Verbesserung

Beispiele:

Wertstromverbesserung

Beispiele:

Transformation

Beispiele:

Der Umfang der Steuerung muss zur tatsächlichen Veränderung passen.


Reife nicht als Selbstzweck betrachten

Eine Organisation kann Practices und Fähigkeiten bewerten, um ihren aktuellen Zustand besser zu verstehen.

Ein höherer Reife- oder Fähigkeitsgrad ist jedoch nicht automatisch für jede Practice notwendig.

Fragen:

Beispiel:

Ein hochentwickeltes Service Configuration Management kann für eine komplexe, stark integrierte Umgebung wichtig sein.

Für eine sehr kleine und überschaubare Umgebung kann eine einfachere, aber zuverlässige Dokumentation ausreichend sein.


Typische Fehlanpassungen

Fehler 1: ITIL vollständig kopieren

Vorlagen und Prozesse werden unverändert übernommen, obwohl sie nicht zur Organisation passen.


Fehler 2: Nur Begriffe ändern

Alte Probleme bleiben bestehen, werden aber mit neuen ITIL-Bezeichnungen versehen.


Fehler 3: Mit dem Werkzeug beginnen

Das Tool bestimmt die Arbeitsweise, bevor Ziele und Wertströme verstanden wurden.


Fehler 4: Alle Practices gleichzeitig einführen

Ressourcen werden überlastet und keine Practice wird wirksam aufgebaut.


Fehler 5: Jede Practice als eigene Abteilung aufbauen

Unnötige Silos und Übergaben entstehen.


Fehler 6: Rollen ohne Befugnisse vergeben

Personen tragen Verantwortung, können aber nicht entscheiden oder Ressourcen erhalten.


Fehler 7: Jeden Vorgang gleich behandeln

Risikoarme und kritische Tätigkeiten durchlaufen identische Kontrollen.


Fehler 8: Dokumentationsmenge mit Qualität verwechseln

Viele Felder und Dokumente erzeugen keine bessere Entscheidung oder Nachvollziehbarkeit.


Fehler 9: Bestehende funktionierende Arbeitsweisen verwerfen

Wertvolles Wissen und bewährte Fähigkeiten gehen verloren.


Fehler 10: Nur interne Sicht verwenden

Benutzer, Kunden, Fachabteilungen und Lieferanten werden nicht ausreichend einbezogen.


Fehler 11: Prozessgrenzen mit Wertstromgrenzen verwechseln

Jedes Team optimiert seinen Abschnitt, aber niemand betrachtet das gesamte Outcome.


Fehler 12: Kontrollen ohne Zweck einführen

Jeder frühere Fehler führt zu einer zusätzlichen dauerhaften Genehmigung.


Fehler 13: Notwendige Kontrollen als Bürokratie entfernen

Sicherheits-, Datenschutz- oder Compliance-Anforderungen werden unzureichend behandelt.


Fehler 14: Kennzahlen ungeprüft übernehmen

Gemessen wird, was das Werkzeug standardmäßig anbietet, nicht was für Outcomes und Entscheidungen wichtig ist.


Fehler 15: Automatisierung als erstes Ziel verwenden

Ein ungeeigneter Ablauf wird schneller und schwerer veränderbar gemacht.


Fehler 16: Anpassung als einmalige Einführung betrachten

Nach dem Projekt werden Arbeitsweisen nicht mehr überprüft oder verbessert.


Fehler 17: „ITIL-konform“ statt wirksam arbeiten

Die Organisation konzentriert sich auf Begriffe und Formalitäten statt auf Outcomes, Risiken und Erfahrung.


Praxisbeispiel: Kleiner interner IT-Support

Ausgangslage

Angemessener erster Zielzustand

Noch nicht zwingend notwendig


Praxisbeispiel: Kritischer Produktionsservice

Ausgangslage

Möglicher Zielzustand

Hier ist ein höherer Kontroll- und Dokumentationsumfang angemessen.


Praxisbeispiel: Agile Softwareorganisation

Ausgangslage

Mögliche Anpassung

Merke

Häufige Änderungen benötigen nicht automatisch weniger Kontrolle.

Sie benötigen häufig stärker automatisierte, risikogerechte und schneller wirksame Kontrollen.


Praxisbeispiel: Cloud-Service

Ausgangslage

Angepasste Practices

Die Verantwortung verschiebt sich.

Sie verschwindet nicht.


Bedeutung für Fachinformatiker für Systemintegration

Fachinformatiker arbeiten häufig an der konkreten Umsetzung angepasster Practices.

Mögliche Beiträge:

Hilfreiche Fragen im Arbeitsalltag:


30-Sekunden-Prüfung einer ITIL-Anpassung

  1. Ziel: Welches Problem oder Outcome steht im Mittelpunkt?
  2. Ausgangslage: Was funktioniert bereits?
  3. Kontext: Welche Risiken, Vorgaben und Fähigkeiten bestehen?
  4. Wertstrom: Wie gelangt die Arbeit vom Bedarf zum Ergebnis?
  5. Practices: Welche Fähigkeiten werden tatsächlich benötigt?
  6. Dimensionen: Wurden Menschen, Technologie, Partner und Arbeitsfluss betrachtet?
  7. Einfachheit: Ist jeder Schritt notwendig?
  8. Governance: Sind Verantwortung und Befugnisse eindeutig?
  9. Messung: Woran erkennen wir Wirksamkeit?
  10. Verbesserung: Wie wird Feedback genutzt?

Checkliste vor der Anpassung


Checkliste zur Gestaltung


Checkliste zur Einführung


Checkliste zur Wirksamkeitsprüfung


Checkliste gegen unnötige Bürokratie


Schnellreferenz

Frage Bedeutung für die Anpassung
Was soll verbessert werden? Ziel und Outcome bestimmen
Was funktioniert bereits? vorhandene Fähigkeiten erhalten
Welcher Kontext gilt? Risiken, Vorgaben und Ressourcen berücksichtigen
Welcher Wertstrom ist betroffen? Ende-zu-Ende-Arbeit untersuchen
Welche Practices werden benötigt? passende organisatorische Fähigkeiten auswählen
Wie umfangreich muss die Lösung sein? Aufwand an Risiko und Nutzen ausrichten
Wer entscheidet und verantwortet? Governance und Rollen klären
Welche Informationen werden benötigt? Daten und Dokumentation zweckmäßig gestalten
Welche Werkzeuge unterstützen? Technik nach der Arbeitsweise auswählen
Wie wird Erfolg geprüft? Outcomes und geeignete Messgrößen verwenden
Was lernen wir daraus? Continual Improvement verankern

Zusammenfassende Darstellung

Ziele, Bedürfnisse, Risiken und Vorgaben verstehen

aktuelle Produkte, Services und Wertströme untersuchen

vorhandene Fähigkeiten und funktionierende Arbeitsweisen berücksichtigen

benötigte Management Practices auswählen

Rollen · Informationen · Prozesse · Technologie · Lieferanten anpassen

klein und risikogerecht beginnen

Ergebnisse und Stakeholder-Erfahrung messen

Arbeitsweise verankern und kontinuierlich verbessern


Abschluss des Kapitels

Die wichtigsten Bestandteile des ITIL-Frameworks wurden in diesem Kapitel behandelt:

Diese Bestandteile sollten nicht isoliert verwendet werden.

Sie bilden gemeinsam einen Orientierungsrahmen für professionelles digitales Produkt- und Service-Management.

Kernaussage des Kapitels

ITIL liefert keine fertige Organisation.

ITIL hilft einer Organisation, ihre eigenen Produkte, Services, Wertströme, Practices und Entscheidungen wirksamer zu gestalten.


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Quellen und Versionsstand

Offizielle Grundlagen

Offiziell bestätigter Stand

Die offiziellen ITIL-Version-5-Informationen bestätigen:

Einordnung

Die auf dieser Seite dargestellte praktische Vorgehensweise mit zwölf Schritten, die Checklisten, Beispiele, Tabellen und die Bezeichnung Minimum Viable Practice sind redaktionelle Praxisempfehlungen dieses unabhängigen Nachschlagewerks.

Sie stellen keine wörtliche offizielle ITIL-Implementierungsmethode und keine vorgeschriebene Reihenfolge dar.

Konkrete:

müssen von der jeweiligen Organisation anhand ihrer Ziele, Risiken, Fähigkeiten und verbindlichen Vorgaben festgelegt werden.

Behandelter Framework-Stand: ITIL Version 5
Zusätzlich berücksichtigt: ITIL 4
Fachlicher Stand: August 2026


Revision #1
Created 1 August 2026 22:52:16 by Admin
Updated 1 August 2026 22:52:28 by Admin