2.3 Die sieben Guiding Principles

Kurz erklärt

Die sieben Guiding Principles sind allgemeine Empfehlungen, die Entscheidungen und Handlungen im digitalen Produkt- und Service-Management unterstützen.

Sie können unabhängig davon angewendet werden:

  • welche Rolle eine Person besitzt,
  • welches Produkt oder welcher Service betroffen ist,
  • welche Management Practice verwendet wird,
  • welche Technologie eingesetzt wird,
  • und wie groß oder komplex die Organisation ist.

Die Guiding Principles geben keine festen Arbeitsschritte vor. Sie helfen dabei, Situationen aus mehreren Perspektiven zu beurteilen und angemessene Entscheidungen zu treffen.


Die sieben Guiding Principles im Überblick

Nr. Guiding Principle Praktische Bedeutung
1 Focus on value Arbeit am tatsächlich benötigten Wert und Outcome ausrichten
2 Start where you are vorhandene Fähigkeiten, Informationen und funktionierende Bestandteile berücksichtigen
3 Progress iteratively with feedback in überschaubaren Schritten vorgehen und Rückmeldungen auswerten
4 Collaborate and promote visibility geeignete Beteiligte einbeziehen und relevante Informationen sichtbar machen
5 Think and work holistically Produkte, Services, Menschen, Technologien und Abhängigkeiten gemeinsam betrachten
6 Keep it simple and practical nur Schritte und Kontrollen verwenden, die einen erkennbaren Nutzen besitzen
7 Optimize and automate Arbeitsweisen zuerst verstehen und verbessern, anschließend sinnvoll automatisieren

Die englischen Bezeichnungen werden beibehalten, da sie in offiziellen ITIL-Unterlagen und in der internationalen Praxis verwendet werden.

Die deutschen Erläuterungen in diesem Buch sind sinngemäße Erklärungen und keine wörtlichen offiziellen Übersetzungen.


Fortführung in ITIL Version 5

ITIL Version 5 führt die Guiding Principles als Kernelement des ITIL Value Systems fort.

Sie stammen bereits aus ITIL 4 und bleiben relevant, weil sie keine produktspezifischen oder kurzlebigen technischen Anweisungen darstellen.

Die Prinzipien unterstützen vielmehr eine grundlegende Denkweise für:

ITIL Version 5 ergänzt den Anwendungskontext insbesondere um:

Merke

Die Guiding Principles geben Orientierung, wenn ein detaillierter Ablauf allein nicht ausreicht oder eine Situation mehrere mögliche Vorgehensweisen zulässt.


Die Guiding Principles sind keine Prozessschritte

Die sieben Prinzipien bilden keine Reihenfolge, die von Nummer 1 bis Nummer 7 abgearbeitet werden muss.

Sie können:

Beispiel:

Eine Organisation möchte die Bereitstellung neuer Benutzerkonten automatisieren.

Dabei können gleichzeitig folgende Prinzipien relevant sein:

Typischer Fehler

Nur das Prinzip auszuwählen, das die bereits bevorzugte Entscheidung unterstützt.

Eine gute Entscheidung berücksichtigt alle relevanten Guiding Principles und mögliche Zielkonflikte.


1. Focus on value

Sinngemäße Bedeutung

Jede Tätigkeit sollte einen nachvollziehbaren Beitrag zum Wert für relevante Stakeholder leisten.

Wert entsteht nicht allein dadurch, dass eine technische Aufgabe abgeschlossen wurde.

Entscheidend ist, ob das benötigte Outcome erreicht und von den beteiligten Stakeholdern als nützlich wahrgenommen wird.

Mögliche Stakeholder sind beispielsweise:

Wert kann sich unter anderem zeigen durch:


Leitfragen zu Focus on value


Praxisbeispiel: Backup

Ein Backup-System meldet jeden Tag einen erfolgreichen Sicherungslauf.

Der technische Output lautet:

Die Sicherungsdaten wurden erzeugt.

Der angestrebte Wert besteht jedoch darin, dass:

Um den tatsächlichen Wert zu beurteilen, müssen deshalb zusätzlich geprüft werden:

Merke

Ein erfolgreich ausgeführter Sicherungslauf ist ein Output.

Wiederherstellbare und ausreichend geschützte Daten ermöglichen das benötigte Outcome.


Typische Fehler bei Focus on value


Bedeutung für Systemintegratoren

Vor einer technischen Maßnahme sollte nicht nur gefragt werden:

Wie führe ich diese Aufgabe aus?

Zusätzlich sollte gefragt werden:

Warum wird diese Aufgabe durchgeführt und welches Ergebnis soll sie ermöglichen?

Beispiele:

Technische Aufgabe Wertorientierte Frage
Server neu starten Welcher Service soll dadurch wiederhergestellt werden?
neue Firewall-Regel einrichten Welcher notwendige Zugriff wird ermöglicht und welches Risiko entsteht?
Monitoring-Alarm anlegen Welche relevante Störung soll dadurch früher erkannt werden?
Benutzerkonto erstellen Welche Arbeitsfähigkeit muss zum vorgesehenen Zeitpunkt bestehen?
Anwendung aktualisieren Welcher Nutzen entsteht und welche Risiken werden reduziert?

2. Start where you are

Sinngemäße Bedeutung

Bevor etwas vollständig neu aufgebaut wird, sollen der aktuelle Zustand, vorhandene Fähigkeiten und bereits funktionierende Bestandteile untersucht werden.

Ein bestehender Zustand ist selten vollständig schlecht oder vollständig gut.

Auch in einer unzureichenden Arbeitsweise können bereits wertvolle Bestandteile vorhanden sein, beispielsweise:

Diese Bestandteile sollten erkannt und sinnvoll weiterverwendet werden.

Wichtig

Start where you are bedeutet nicht, dass der vorhandene Zustand unverändert bleiben muss.

Es bedeutet, dass Entscheidungen auf einer realistischen Bewertung des aktuellen Zustands beruhen sollen.


Leitfragen zu Start where you are


Praxisbeispiel: neues Ticketsystem

Eine Organisation möchte ein neues Ticketsystem einführen.

Eine ungeprüfte Vorgehensweise wäre:

  1. neues Produkt auswählen
  2. bestehende Daten vollständig verwerfen
  3. neue Kategorien entwerfen
  4. alle Abläufe gleichzeitig umstellen

Die Anwendung von Start where you are führt zunächst zu einer Bestandsaufnahme:

Dadurch wird verhindert, dass funktionierende Bestandteile unnötig ersetzt oder bekannte Fehler in das neue System übernommen werden.


Beobachten statt nur vermuten

Eine Bestandsaufnahme sollte nach Möglichkeit auf überprüfbaren Informationen beruhen.

Geeignete Informationsquellen können sein:

Typischer Fehler

Eine Arbeitsweise wird allein anhand ihrer Dokumentation bewertet.

Der tatsächlich gelebte Ablauf kann deutlich von der beschriebenen Vorgehensweise abweichen.


Bedeutung für Systemintegratoren

Bei einer Störung sollte nicht sofort davon ausgegangen werden, dass:

Zuerst sollte geprüft werden:


3. Progress iteratively with feedback

Sinngemäße Bedeutung

Große Vorhaben sollen nach Möglichkeit in überschaubare Schritte unterteilt werden. Nach jedem geeigneten Schritt werden Ergebnisse und Rückmeldungen ausgewertet.

Kleine, kontrollierbare Schritte können dazu beitragen:

Iteration bedeutet nicht, ohne Ziel immer wieder dasselbe zu versuchen.

Eine Iteration benötigt:


Leitfragen zu Progress iteratively with feedback


Praxisbeispiel: Einführung einer Monitoring-Plattform

Statt sofort alle Systeme zu überwachen, kann eine Organisation schrittweise vorgehen.

Erste Iteration

Feedback auswerten

Nächste Iteration

Merke

Eine kleine Iteration sollte nicht nur Arbeit erzeugen.

Sie sollte ein verwertbares Ergebnis oder neues Wissen liefern.


Feedback richtig verwenden

Feedback kann aus unterschiedlichen Quellen stammen:

Feedback ist nicht automatisch eine Anweisung.

Es muss bewertet werden hinsichtlich:

Typischer Fehler

Feedback wird erst am Ende eines umfangreichen Vorhabens eingeholt.

Dann können grundlegende Fehlentscheidungen bereits hohe Kosten verursacht haben.


Bedeutung für Änderungen

Bei einer größeren technischen Änderung kann ein iteratives Vorgehen beispielsweise bedeuten:

  1. Testumgebung verwenden
  2. begrenzte Pilotgruppe auswählen
  3. technische und servicebezogene Ergebnisse prüfen
  4. Rückmeldungen auswerten
  5. Konfiguration anpassen
  6. kontrolliert auf weitere Systeme ausweiten
  7. nach jeder Stufe überwachen

Ein iteratives Vorgehen ist nicht immer möglich.

Bei akuten Sicherheitsrisiken, gesetzlichen Fristen oder kritischen Störungen kann schnelles umfassendes Handeln notwendig sein.

Auch dann sollten Ergebnisse und Rückmeldungen so früh wie möglich ausgewertet werden.


4. Collaborate and promote visibility

Sinngemäße Bedeutung

Geeignete Personen und Teams sollen zusammenarbeiten. Relevante Informationen, Entscheidungen, Risiken und Fortschritte müssen für die zuständigen Beteiligten sichtbar sein.

Zusammenarbeit bedeutet nicht, jede Person an jeder Entscheidung zu beteiligen.

Zu viele Beteiligte können:

Entscheidend ist, die richtigen Beteiligten zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Informationen einzubeziehen.


Leitfragen zu Collaborate and promote visibility


Praxisbeispiel: Änderung einer Firewall-Regel

Eine Fachabteilung benötigt eine neue Verbindung zu einem externen Dienst.

Mögliche Beteiligte sind:

Sichtbar sein sollten unter anderem:

Merke

Sichtbarkeit bedeutet nicht, dass jede Information öffentlich sein muss.

Relevante Informationen müssen für die berechtigten und verantwortlichen Beteiligten zugänglich sein.


Warum Sichtbarkeit wichtig ist

Fehlende Sichtbarkeit kann dazu führen, dass:

Geeignete Formen der Sichtbarkeit können sein:


Zusammenarbeit und Verantwortung

Zusammenarbeit ersetzt keine eindeutige Verantwortung.

Auch bei gemeinsamer Bearbeitung muss erkennbar bleiben:

Typischer Fehler

Viele Personen werden informiert, aber niemand besitzt eine eindeutige Verantwortung für den nächsten Schritt.


5. Think and work holistically

Sinngemäße Bedeutung

Produkte, Services, Organisationen und ihre Bestandteile sollen als zusammenhängendes System betrachtet werden.

Ein Service hängt selten nur von einer einzelnen technischen Komponente ab.

Zu berücksichtigen sind unter anderem:

Die vier Dimensionen des Produkt- und Service-Managements unterstützen diese ganzheitliche Betrachtung.


Leitfragen zu Think and work holistically


Praxisbeispiel: Benutzeranmeldung funktioniert nicht

Mögliche technische Abhängigkeiten:

Mögliche organisatorische Abhängigkeiten:

Eine ausschließlich auf das Benutzerkennwort beschränkte Betrachtung kann deshalb zu kurz greifen.


Lokale Optimierung vermeiden

Ein einzelnes Team kann seine eigene Kennzahl verbessern und gleichzeitig den gesamten Wertstrom verschlechtern.

Beispiel:

Der Service Desk verkürzt seine durchschnittliche Bearbeitungszeit, indem komplexe Tickets möglichst schnell an andere Teams weitergegeben werden.

Die lokale Kennzahl verbessert sich.

Für den Benutzer können jedoch entstehen:

Merke

Eine lokale Verbesserung ist nur dann hilfreich, wenn sie den gesamten Wertstrom und das benötigte Outcome unterstützt.


Bedeutung für technische Änderungen

Vor dem Austausch einer technischen Komponente sollte geprüft werden:


6. Keep it simple and practical

Sinngemäße Bedeutung

Arbeitsweisen, Kontrollen und Lösungen sollen so einfach wie möglich und so umfangreich wie tatsächlich notwendig gestaltet werden.

Einfach bedeutet nicht:

Einfach bedeutet:

Jeder zusätzliche Schritt, jedes Pflichtfeld und jede Genehmigung sollte einen nachvollziehbaren Zweck besitzen.


Leitfragen zu Keep it simple and practical


Praxisbeispiel: Change-Dokumentation

Für einen Change werden 35 Pflichtfelder verlangt.

In der Praxis werden viele Felder:

gefüllt.

Die umfangreiche Dokumentation erzeugt dadurch keine zusätzliche Sicherheit.

Eine zweckmäßige Struktur könnte sich stattdessen auf tatsächlich notwendige Informationen konzentrieren:

Typischer Fehler

Umfang wird mit Qualität verwechselt.

Eine längere Arbeitsanweisung ist nicht automatisch verständlicher oder sicherer.


Angemessene Kontrolle statt identischer Kontrolle

Nicht jede Änderung besitzt dasselbe Risiko.

Beispiele:

Änderung Möglicher Kontrollumfang
dokumentierte, häufig ausgeführte Standardänderung vereinfachter und vorab autorisierter Ablauf
normale Änderung mit überschaubarem Risiko angemessene Bewertung und Freigabe
kritische Änderung an zentraler Infrastruktur umfangreichere Prüfung, Abstimmung und Rückfallplanung
dringende Änderung zur Behebung einer akuten Gefahr beschleunigtes Verfahren mit nachträglicher Kontrolle

Die konkrete Organisation legt die Change-Modelle, Freigaben und Risikokriterien fest.

Merke

Einfachheit entsteht nicht dadurch, notwendige Kontrollen wegzulassen.

Sie entsteht durch passende Kontrollen ohne unnötige Schritte.


7. Optimize and automate

Sinngemäße Bedeutung

Arbeit soll zunächst verstanden und verbessert werden. Anschließend können geeignete Bestandteile automatisiert werden.

Automatisierung kann unter anderem:

Automatisierung kann jedoch auch:

Grundsatz

Nicht alles, was technisch automatisierbar ist, sollte automatisiert werden.


Leitfragen zu Optimize and automate


Optimierung vor Automatisierung

Eine geeignete Reihenfolge ist:

  1. Outcome und Zweck verstehen
  2. aktuellen Ablauf erfassen
  3. unnötige Schritte entfernen
  4. Übergaben und Abhängigkeiten verbessern
  5. Ablauf vereinheitlichen
  6. geeignete Tätigkeiten automatisieren
  7. Ergebnisse überwachen
  8. Automatisierung fortlaufend verbessern

Typischer Fehler

Ein fehlerhafter oder unnötig komplexer Ablauf wird unverändert automatisiert.

Das Ergebnis ist ein schnellerer fehlerhafter Ablauf.


Praxisbeispiel: automatische Benutzeranlage

Geeignete Automatisierungen können sein:

Nicht vollständig automatisiert werden sollten möglicherweise:

Die Automatisierung muss zusätzlich kontrollieren:


Automatisierung und künstliche Intelligenz

ITIL Version 5 berücksichtigt digitale und KI-gestützte Arbeitsumgebungen stärker.

Auch beim Einsatz von KI bleiben die Guiding Principles relevant.

Vor einer KI-gestützten Automatisierung sollte unter anderem geprüft werden:

Sicherheitsrelevant

Eine automatisierte oder KI-generierte Entscheidung entbindet die Organisation nicht von Verantwortung, Kontrolle und Risikobewertung.


Zusammenspiel der sieben Guiding Principles

Die Prinzipien entfalten ihren größten Nutzen, wenn sie gemeinsam betrachtet werden.

Beispiel: Ablösung eines alten Fileservers

Focus on value

Start where you are

Progress iteratively with feedback

Collaborate and promote visibility

Think and work holistically

Keep it simple and practical

Optimize and automate


Mögliche Spannungen zwischen den Prinzipien

Die Guiding Principles liefern nicht immer automatisch dieselbe Handlungsrichtung.

Beispiele:

Mögliche Spannung Notwendige Abwägung
schnell iterieren oder ganzheitlich analysieren ausreichend prüfen, ohne jede denkbare Frage vor dem ersten Schritt lösen zu wollen
einfach halten oder zusätzliche Kontrollen einführen Kontrollaufwand am tatsächlichen Risiko ausrichten
Zusammenarbeit fördern oder schnell entscheiden notwendige Beteiligte einbeziehen, aber Verantwortung eindeutig lassen
automatisieren oder flexibel bleiben nur stabile und ausreichend verstandene Teile automatisieren
Bestehendes nutzen oder neu aufbauen Nutzen, technische Schulden, Risiken und Migrationsaufwand vergleichen
kurzfristigen Wert oder langfristige Nachhaltigkeit priorisieren unmittelbare Outcomes und langfristige Folgen gemeinsam bewerten

Merke

Die Guiding Principles ersetzen keine fachliche Abwägung.

Sie verbessern die Qualität der Fragen, auf deren Grundlage entschieden wird.


Guiding Principles bei einem Incident

Auch bei einer laufenden Störung können die Prinzipien helfen.

Guiding Principle Anwendung im Incident
Focus on value zuerst die für Benutzer wichtigste Servicefunktion wiederherstellen
Start where you are vorhandene Monitoring-Daten, bekannte Fehler und letzte Changes prüfen
Progress iteratively with feedback Maßnahmen kontrolliert durchführen und Ergebnis nach jedem Schritt prüfen
Collaborate and promote visibility zuständige Teams einbinden und aktuellen Status sichtbar halten
Think and work holistically Serviceabhängigkeiten und mögliche Folgeauswirkungen berücksichtigen
Keep it simple and practical zunächst die sicherste geeignete Wiederherstellung wählen
Optimize and automate nach dem Incident wiederkehrende Diagnose- oder Wiederherstellungsschritte verbessern

Während eines kritischen Incidents steht zunächst die sichere und angemessene Wiederherstellung im Vordergrund.

Die umfassende Ursachenanalyse und nachhaltige Verbesserung können anschließend folgen.


Guiding Principles bei einem Change

Guiding Principle Anwendung beim Change
Focus on value Zweck, Outcome und Nutzen des Changes klären
Start where you are aktuellen Zustand und vorhandene Konfiguration erfassen
Progress iteratively with feedback Test, Pilot oder schrittweise Einführung verwenden
Collaborate and promote visibility Betroffene, Verantwortliche und Abhängigkeiten sichtbar machen
Think and work holistically Auswirkungen auf Produkte, Services, Sicherheit und Lieferanten betrachten
Keep it simple and practical angemessenen Kontrollumfang wählen
Optimize and automate standardisierbare Prüfung und Umsetzung verbessern

Bedeutung für Fachinformatiker für Systemintegration

Die Guiding Principles helfen bei technischen und organisatorischen Entscheidungen.

Beispiele:

Ein Fachinformatiker muss die englischen Bezeichnungen nicht in jedem Ticket dokumentieren.

Die zugrunde liegenden Fragen sollten jedoch Teil der professionellen Arbeitsweise werden.


Entscheidungshilfe für neue Aufgaben

Bei einer neuen Aufgabe kannst du die sieben Prinzipien als Kurzprüfung verwenden:

  1. Wert: Welches Outcome soll erreicht werden?
  2. Ausgangslage: Was ist bereits vorhanden und funktionsfähig?
  3. Schritte: Kann kontrolliert und iterativ vorgegangen werden?
  4. Zusammenarbeit: Wer muss beteiligt und informiert werden?
  5. Gesamtsicht: Welche Abhängigkeiten und Auswirkungen bestehen?
  6. Einfachheit: Welche Schritte sind tatsächlich erforderlich?
  7. Optimierung: Was kann verbessert und anschließend automatisiert werden?

Checkliste zur Anwendung der Guiding Principles


Typische Fehlanwendungen

Nur ein Prinzip verwenden

Ein Team beruft sich ausschließlich auf Keep it simple and practical, um notwendige Sicherheitskontrollen wegzulassen.

Richtig wäre, zusätzlich:

zu berücksichtigen.


Start where you are mit Stillstand verwechseln

Der aktuelle Zustand wird nicht verbessert, weil er bereits lange besteht.

Das Prinzip verlangt jedoch eine Bestandsaufnahme, keine unveränderte Fortführung.


Iterationen ohne klares Ziel durchführen

Es werden regelmäßig kleine Änderungen vorgenommen, aber weder Outcome noch Erfolgskriterien sind definiert.

Iteration benötigt Ziel, Feedback und Auswertung.


Sichtbarkeit mit Informationsüberlastung verwechseln

Alle Beteiligten erhalten jede technische Einzelmeldung.

Dadurch gehen relevante Informationen in der Menge unter.

Sichtbarkeit muss zielgruppengerecht und handlungsorientiert sein.


Ganzheitliche Betrachtung als endlose Analyse verwenden

Eine Organisation untersucht jede denkbare Auswirkung und beginnt deshalb nie mit der Umsetzung.

Ganzheitlich denken schließt ein iteratives und pragmatisches Vorgehen nicht aus.


Einfachheit mit fehlender Sorgfalt verwechseln

Dokumentation, Tests oder Rückfallplanung werden weggelassen.

Einfachheit darf notwendige Sicherheit und Nachvollziehbarkeit nicht beseitigen.


Automatisierung als Selbstzweck betrachten

Eine Tätigkeit wird automatisiert, weil die technische Möglichkeit besteht.

Der tatsächliche Nutzen, die Wartung und mögliche Risiken werden nicht bewertet.


Schnellreferenz

Principle Kurzfrage
Focus on value Welchen Wert und welches Outcome ermöglicht die Tätigkeit?
Start where you are Was ist bereits vorhanden und funktioniert?
Progress iteratively with feedback Was ist der nächste kontrollierbare Schritt?
Collaborate and promote visibility Wer muss beteiligt sein und was muss sichtbar werden?
Think and work holistically Welche Zusammenhänge und Abhängigkeiten bestehen?
Keep it simple and practical Was ist tatsächlich notwendig?
Optimize and automate Was kann zuerst verbessert und danach automatisiert werden?

Zusammenfassende Darstellung

Focus on value
Ziel und Outcome verstehen

Start where you are
tatsächlichen Ausgangszustand prüfen

Progress iteratively with feedback
kontrolliert vorgehen und lernen

Collaborate and promote visibility
geeignete Beteiligte und Informationen verbinden

Think and work holistically
das gesamte System berücksichtigen

Keep it simple and practical
unnötige Komplexität vermeiden

Optimize and automate
verbessern, automatisieren und überwachen

Diese Darstellung dient nur als Lernhilfe.

Die Guiding Principles bilden keine verbindliche Reihenfolge und können gleichzeitig angewendet werden.


Verwandte Seiten


Quellen und Versionsstand

Offizielle Grundlagen

Einordnung

Die offiziellen ITIL-Version-5-Übersichten bestätigen, dass die Guiding Principles weiterhin ein Kernelement des ITIL Value Systems und der praktischen Entscheidungsfindung sind.

Die sieben Guiding Principles werden aus ITIL 4 fortgeführt:

Die deutschen Erklärungen, Leitfragen, Praxisbeispiele, Tabellen und Checklisten auf dieser Seite sind eigene sinngemäße Erläuterungen dieses unabhängigen Nachschlagewerks.

Sie stellen keine wörtlichen offiziellen ITIL-Definitionen und keine vorgeschriebenen ITIL-Prozesse dar.

Behandelter Framework-Stand: ITIL Version 5
Zusätzlich berücksichtigt: ITIL 4
Fachlicher Stand: August 2026


Revision #1
Created 1 August 2026 21:38:23 by Admin
Updated 1 August 2026 21:38:36 by Admin