# 3.7 Ownership, hierarchische Eskalation und Major Incidents (Teil 1/2)

> **Kurz erklärt**
>
> Jeder Incident muss jederzeit einen eindeutig verantwortlichen Bearbeiter oder eine verantwortliche Gruppe besitzen.
>
> ITIL bezeichnet dies als **Ownership**.
>
> Ownership bedeutet nicht zwingend, dass diese Person den Fehler selbst behebt. Sie trägt jedoch die Verantwortung dafür, dass der Incident aktiv verfolgt, koordiniert und bis zum Abschluss begleitet wird.

---

**Was bedeutet Ownership?**

Ownership beantwortet die Frage:

> **Wer kümmert sich aktuell um diesen Incident?**

Der Owner sorgt dafür, dass:

- der Incident aktiv bearbeitet wird,
- keine unnötigen Wartezeiten entstehen,
- Eskalationen rechtzeitig erfolgen,
- Benutzer informiert werden,
- der nächste Schritt bekannt ist,
- und der Vorgang sauber abgeschlossen wird.

Ownership bleibt bestehen – auch wenn andere Teams beteiligt werden.

---

**Ownership ist nicht gleich Bearbeitung**

Ein häufiger Irrtum:

> Wer gerade technisch arbeitet, ist automatisch für den gesamten Incident verantwortlich.

Das stimmt nicht.

Beispiel:

Der Service Desk erstellt ein Ticket und eskaliert es an das Netzwerkteam.

Während das Netzwerkteam analysiert, kann der Service Desk weiterhin Owner bleiben und:

- Rückfragen koordinieren,
- den Benutzer informieren,
- Fortschritte überwachen,
- Zielzeiten prüfen,
- und notwendige Eskalationen auslösen.

Der technische Bearbeiter führt also eine konkrete Aufgabe aus.

Der Owner sorgt dafür, dass der Incident insgesamt gesteuert wird.

---

**Zuständigkeit, Bearbeitung und Ownership unterscheiden**

| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| **Ownership** | Verantwortung für den gesamten Incident bis zum Abschluss |
| **Bearbeitung** | Durchführung aktueller technischer oder organisatorischer Maßnahmen |
| **Zuständigkeit** | fachliche Verantwortung für einen bestimmten Service, Bereich oder eine Komponente |
| **Kommunikationsverantwortung** | Verantwortung für Statusmeldungen an Benutzer und Stakeholder |
| **Entscheidungsverantwortung** | Befugnis, Prioritäten, Ressourcen oder Vorgehen festzulegen |

Mehrere Personen oder Teams können gleichzeitig an einem Incident arbeiten.

Der Owner sollte jedoch eindeutig festgelegt sein.

---

**Warum Ownership wichtig ist**

Ohne klaren Owner entstehen häufig:

- doppelte Arbeiten,
- lange Wartezeiten,
- vergessene Tickets,
- fehlende Kommunikation,
- unklare Verantwortlichkeiten,
- Ticket-Pingpong,
- verspätete Eskalationen,
- und unklare Abschlüsse.

Typische Aussage:

> Ich dachte, das andere Team kümmert sich darum.

Genau solche Situationen soll Ownership verhindern.

---

**Aufgaben des Owners**

Der Owner überwacht den gesamten Incident.

Typische Aufgaben:

- Ticket kontrollieren,
- Bearbeitung verfolgen,
- Priorität prüfen,
- Eskalationen auslösen,
- Benutzer informieren,
- Rückmeldungen koordinieren,
- beteiligte Teams abstimmen,
- Zielzeiten überwachen,
- Workaround oder Lösung nachverfolgen,
- Abschluss prüfen.

Der Owner muss nicht jede technische Aufgabe selbst durchführen.

Er muss aber sicherstellen, dass der Incident nicht stehen bleibt.

---

**Ownership während einer funktionalen Eskalation**

Auch nach einer funktionalen Eskalation bleibt Ownership bestehen.

Beispiel:

    Benutzer
        ↓
    Service Desk (Owner)
        ↓
    Netzwerkteam
        ↓
    Hersteller

Das Netzwerkteam untersucht den Fehler.

Der Service Desk sorgt weiterhin dafür, dass:

- Statusmeldungen erfolgen,
- der Benutzer informiert wird,
- Fristen eingehalten werden,
- offene Rückfragen geklärt werden,
- und der Vorgang bis zur Wiederherstellung verfolgt wird.

Eine Eskalation bedeutet also nicht automatisch, dass die Gesamtverantwortung verschwindet.

---

**Ownership übertragen**

In manchen Organisationen kann Ownership wechseln.

Beispiele:

- Service Desk → Netzwerkteam
- Netzwerkteam → Incident Manager
- Incident Manager → Major Incident Manager
- Service Desk → Produktteam
- internes Team → externer Provider mit interner Koordination

Dabei sollte immer dokumentiert werden:

- Zeitpunkt,
- bisheriger Owner,
- neuer Owner,
- Grund der Übergabe,
- aktueller Status,
- nächster Schritt,
- und Kommunikationsverantwortung.

Eine Übergabe ist nur dann sinnvoll, wenn die neue Verantwortung eindeutig akzeptiert wurde.

---

**Ein Ticket darf niemals besitzerlos sein**

Ein Incident ohne Owner ist eines der größten Risiken im Support.

Jeder Incident sollte jederzeit erkennen lassen:

- Wer ist verantwortlich?
- Wer arbeitet aktuell?
- Wer informiert den Benutzer?
- Wer entscheidet über Eskalationen?
- Wer verfolgt Zielzeiten?
- Wer prüft die Wiederherstellung?
- Wer schließt den Vorgang ab?

> **Merke**
>
> Ein zugewiesenes Ticket ist nicht automatisch ein aktiv gesteuerter Incident.

---

**Funktionale und hierarchische Eskalation unterscheiden**

Diese beiden Begriffe werden häufig verwechselt.

| Funktionale Eskalation | Hierarchische Eskalation |
|---|---|
| fehlendes Fachwissen oder fehlende Berechtigung | Management-Unterstützung oder Entscheidung erforderlich |
| Spezialisten notwendig | Priorisierung, Ressourcen oder Risikoentscheidung notwendig |
| technischer Fokus | organisatorischer oder geschäftlicher Fokus |
| Beispiel: Netzwerkteam einbinden | Beispiel: Service Owner oder Management informieren |
| Ziel: richtige Fähigkeit einbinden | Ziel: Hindernisse, Risiken oder Entscheidungen klären |

---

**Funktionale Eskalation**

Die funktionale Eskalation wurde bereits in **3.6 Erstdiagnose, Lösung und funktionale Eskalation** behandelt.

Beispiele:

- Service Desk → Netzwerkteam
- Service Desk → Serverteam
- Service Desk → Datenbankteam
- Service Desk → Cloud-Team
- internes Team → Hersteller oder Lieferant

Ziel:

Die richtigen Spezialisten bearbeiten den Incident.

Eine funktionale Eskalation ist keine Schuldzuweisung.

Sie bedeutet nur, dass zusätzliche Fähigkeiten, Werkzeuge oder Berechtigungen benötigt werden.

---

**Hierarchische Eskalation**

Bei einer hierarchischen Eskalation wird nicht primär weiteres Fachwissen benötigt.

Benötigt werden beispielsweise:

- Entscheidungen,
- Ressourcen,
- Priorisierung,
- Budget,
- Management-Unterstützung,
- Freigaben,
- Konfliktlösung,
- oder Kommunikation auf höherer Ebene.

Beispiele:

- SLA wird voraussichtlich verletzt.
- Mehrere Fachbereiche sind betroffen.
- Management muss informiert werden.
- Ein externer Kunde eskaliert.
- Ein Lieferant reagiert nicht.
- Zusätzliche Ressourcen werden benötigt.
- Ein Risiko kann nicht auf operativer Ebene entschieden werden.
- Erheblicher Imageschaden ist möglich.

---

**Wann sollte eskaliert werden?**

Nicht erst, wenn:

- ein SLA bereits verletzt wurde,
- der Benutzer mehrfach angerufen hat,
- Management sich beschwert,
- oder ein Incident längere Zeit unbeachtet blieb.

Sondern bereits dann, wenn erkennbar wird:

- ein Ziel wird wahrscheinlich verfehlt,
- weitere Unterstützung wird benötigt,
- Risiken steigen,
- Ressourcen nicht ausreichen,
- Entscheidungen fehlen,
- die Kommunikation nicht mehr ausreicht,
- oder der Incident eine besondere geschäftliche Bedeutung bekommt.

> **Merke**
>
> Gute Eskalation ist rechtzeitig, begründet und handlungsorientiert.

---

**Eskalation bedeutet keine Schuld**

Eine Eskalation ist keine Kritik an einzelnen Mitarbeitern.

Sie dient dazu:

- Hindernisse zu beseitigen,
- Entscheidungen schneller zu treffen,
- zusätzliche Ressourcen bereitzustellen,
- Risiken sichtbar zu machen,
- Kommunikation zu verbessern,
- und den Service schneller wiederherzustellen.

Ungeeignet:

> Wir eskalieren, weil das Team es nicht schafft.

Besser:

> Wir eskalieren, weil die Zielzeit gefährdet ist und zusätzliche Entscheidungskompetenz benötigt wird.

---

**Kommunikationseskalation**

Manchmal funktioniert die technische Bearbeitung, aber die Kommunikation reicht nicht aus.

Beispiele:

- Benutzer erhält keine Rückmeldung.
- Management verlangt Statusberichte.
- Mehrere Standorte müssen informiert werden.
- Es gibt widersprüchliche Aussagen.
- Ein Kunde benötigt eine abgestimmte externe Meldung.
- Der Service Desk besitzt keine freigegebene Kommunikationslinie.

Auch hierfür kann eine Eskalation notwendig sein.

Die technische Lösung und die Kommunikation müssen beide gesteuert werden.

---

**Major Incident**

Ein **Major Incident** ist ein besonders schwerwiegender Incident.

Er besitzt normalerweise:

- hohe Auswirkungen,
- hohe Dringlichkeit,
- viele betroffene Benutzer,
- kritische betroffene Services,
- erhebliche geschäftliche Folgen,
- erhöhten Kommunikationsbedarf,
- oder besondere Risiken.

ITIL schreibt keine universelle feste Definition vor.

Jede Organisation muss eigene Kriterien festlegen.

---

**Mögliche Kriterien für einen Major Incident**

Beispiele:

- gesamte Produktion steht,
- mehrere Standorte sind betroffen,
- ein geschäftskritischer Service ist ausgefallen,
- zentrale Anmeldung funktioniert nicht,
- kritische Cloud-Dienste sind nicht verfügbar,
- ein Sicherheitsvorfall wird vermutet,
- externer Kundenimpact ist erheblich,
- keine geeignete Zwischenlösung ist verfügbar,
- gesetzliche oder vertragliche Fristen sind gefährdet,
- Management- oder Krisenkommunikation ist notwendig.

Die Kriterien sollten dokumentiert und regelmäßig überprüft werden.

---

**Major Incident ist nicht automatisch P1**

Viele Organisationen setzen:

> P1 = Major Incident

Dies ist jedoch keine allgemeine ITIL-Vorgabe.

Ein P1-Incident kann ein Major Incident sein.

Er muss es aber nicht in jeder Organisation automatisch sein.

| P1 | Major Incident |
|---|---|
| beschreibt häufig die höchste operative Priorität | beschreibt einen besonders schwerwiegenden Incident mit besonderer Koordination |
| steuert Zielzeiten und Bearbeitungsreihenfolge | aktiviert zusätzliche Rollen, Kommunikation und Steuerung |
| kann durch normale Supportstruktur bearbeitet werden | benötigt häufig besondere Koordination |
| wird meist aus Auswirkung und Dringlichkeit bestimmt | kann zusätzliche Kriterien enthalten |

> **Merke**
>
> Priorität und Major-Incident-Status sollten bewusst unterschieden oder eindeutig gemeinsam definiert werden.

---

**Ziele eines Major-Incident-Verfahrens**

Bei normalen Incidents liegt der Fokus häufig auf der technischen Wiederherstellung.

Bei Major Incidents kommen zusätzliche Aufgaben hinzu:

- Koordination mehrerer Teams,
- schnelle Entscheidungsfindung,
- klare Kommunikation,
- Priorisierung von Ressourcen,
- Management-Unterstützung,
- Lieferantensteuerung,
- Risikoüberwachung,
- Dokumentation unter Zeitdruck,
- und spätere Nachbereitung.

Das Ziel bleibt die Wiederherstellung des Services.

Der Weg dorthin benötigt jedoch mehr Steuerung.

---

**Major Incident Manager**

Viele Organisationen benennen für Major Incidents einen eigenen **Major Incident Manager**.

Diese Person repariert normalerweise nichts selbst.

Typische Aufgaben:

- Teams koordinieren,
- Status sammeln,
- Entscheidungen vorbereiten,
- Kommunikationsfreigaben abstimmen,
- Prioritäten überwachen,
- Eskalationen auslösen,
- War Room steuern,
- Statusintervalle einhalten,
- und die Nachbereitung vorbereiten.

Der Major Incident Manager sorgt dafür, dass Spezialisten arbeiten können, ohne die Gesamtkoordination nebenbei leisten zu müssen.

---

**Typischer Ablauf eines Major Incidents**

    Incident erkannt
            ↓
    erste Bewertung
            ↓
    Major-Incident-Kriterien prüfen
            ↓
    Major Incident bestätigen oder ablehnen
            ↓
    Owner und Major Incident Manager festlegen
            ↓
    Fachteams und Lieferanten einbinden
            ↓
    Kommunikation starten
            ↓
    Workaround oder Wiederherstellung umsetzen
            ↓
    Service stabilisieren
            ↓
    Abschluss und Nachbereitung

Nicht jede Organisation verwendet exakt diesen Ablauf.

Entscheidend ist eine klare Koordination.

---

**Sofortmaßnahmen bei Major Incidents**

Zu Beginn sollte schnell geklärt werden:

- Was ist betroffen?
- Welche Services sind betroffen?
- Welche Standorte sind betroffen?
- Welche Benutzer oder Kunden sind betroffen?
- Welche geschäftlichen Auswirkungen bestehen?
- Seit wann besteht die Störung?
- Gibt es einen sicheren Workaround?
- Welche Teams werden benötigt?
- Gibt es Hinweise auf einen Sicherheitsvorfall?
- Wer kommuniziert offiziell?
- Wann erfolgt die nächste Statusmeldung?

Erst danach beginnt die tiefere technische Analyse.

---

**Rollen bei Major Incidents**

Typische Rollen können sein:

- Service Desk,
- Incident Manager,
- Major Incident Manager,
- technische Spezialisten,
- Service Owner,
- Kommunikationsverantwortliche,
- Management,
- Informationssicherheit,
- Lieferanten,
- Fachbereich,
- Problem Manager.

Nicht jede Organisation benötigt alle Rollen.

Wichtig ist, dass Zuständigkeiten und Entscheidungswege bekannt sind.

---

**War Room**

Bei kritischen Incidents wird häufig ein gemeinsamer Kommunikationskanal eingerichtet.

Beispiele:

- Telefonkonferenz,
- Videokonferenz,
- Microsoft Teams,
- Slack,
- spezieller Incident-Kanal,
- Statusboard.

Vorteile:

- schnellere Abstimmung,
- weniger Rückfragen,
- keine parallelen Einzelgespräche,
- gemeinsame Faktenlage,
- bessere Koordination.

Ein War Room benötigt klare Regeln.

Sonst entsteht schnell Unübersichtlichkeit.

---

**Regeln im War Room**

Sinnvolle Regeln:

- eine Person koordiniert,
- Fakten werden von Vermutungen getrennt,
- Maßnahmen werden vor Ausführung abgestimmt,
- Ergebnisse werden dokumentiert,
- Kommunikation nach außen erfolgt abgestimmt,
- Nebenunterhaltungen werden begrenzt,
- Entscheidungen werden festgehalten,
- nächste Schritte werden eindeutig zugewiesen.

Ungeeignet:

> Alle diskutieren gleichzeitig technische Vermutungen ohne Dokumentation.

Besser:

> Hypothesen werden gesammelt, priorisiert, getestet und mit Ergebnis dokumentiert.

---

**Kommunikation wird wichtiger**

Je größer der Incident, desto wichtiger wird regelmäßige Kommunikation.

Stakeholder möchten wissen:

- Was ist passiert?
- Welche Auswirkungen bestehen?
- Was wird aktuell getan?
- Gibt es einen Workaround?
- Was sollen Benutzer tun oder nicht tun?
- Wann gibt es neue Informationen?

Auch wenn noch keine Lösung vorliegt, ist eine Statusmeldung sinnvoll.

Beispiel:

> Die Ursache ist noch nicht bestätigt. Netzwerk- und Identitätsdienste werden geprüft. Ein sicherer Workaround ist derzeit nicht verfügbar. Die nächste Statusmeldung erfolgt um 11:30 Uhr.

---

**Statusintervalle**

Für kritische Incidents sollten Statusintervalle festgelegt werden.

Beispiel:

- alle 30 Minuten bei Major Incident,
- alle 60 Minuten bei hoher Priorität,
- nach wesentlichen Änderungen bei normaler Priorität.

Die konkreten Zeiten legt die Organisation selbst fest.

Nicht geeignet:

> Wir melden uns, wenn alles wieder funktioniert.

Besser:

> Die nächste Statusmeldung erfolgt spätestens um 10:30 Uhr, auch wenn bis dahin noch keine vollständige Lösung vorliegt.

---

**Single Point of Communication**

Bei großen Incidents sollte möglichst eine abgestimmte Kommunikationsquelle verwendet werden.

Beispiele:

- Incident Manager,
- Kommunikationsverantwortlicher,
- Statusseite,
- Service Desk mit freigegebenem Text,
- zentrale E-Mail oder Portalnachricht.

Dadurch werden widersprüchliche Aussagen vermieden.

Technische Detaildiskussionen gehören nicht ungefiltert in Benutzerkommunikation.

---

**Stakeholder zielgruppengerecht informieren**

| Zielgruppe | Benötigte Informationen |
|---|---|
| **Benutzer** | Auswirkungen, Workaround, nächste Statusmeldung |
| **Service Desk** | freigegebene Formulierung, bekannte Symptome, Ticketverknüpfung |
| **technische Teams** | Logs, Hypothesen, Messergebnisse, Maßnahmen |
| **Management** | geschäftliche Auswirkungen, Risiken, erwartete Entscheidungen |
| **Kunden** | Serviceverfügbarkeit, Einschränkungen, nächstes Update |
| **Lieferanten** | technische Nachweise, Versionen, Priorität, gewünschte Unterstützung |
| **Informationssicherheit** | Sicherheitsbezug, Beweise, Risiko, Schutzmaßnahmen |

Nicht jeder Empfänger benötigt dieselbe Detailtiefe.

---

**Ressourcen koordinieren**

Bei Major Incidents arbeiten oft mehrere Teams gleichzeitig.

Der Major Incident Manager oder Incident Coordinator achtet darauf, dass:

- Aufgaben verteilt werden,
- Doppelarbeit vermieden wird,
- Ergebnisse zusammengeführt werden,
- blockierende Entscheidungen eskaliert werden,
- Lieferanten eingebunden werden,
- und niemand ohne Abstimmung riskante Änderungen durchführt.

---

**Dokumentation während eines Major Incidents**

Auch unter Zeitdruck muss dokumentiert werden.

Mindestens festhalten:

- Zeitpunkt,
- Beobachtung,
- Maßnahme,
- Ergebnis,
- Entscheidung,
- Verantwortlicher,
- nächster Schritt,
- Kommunikationszeitpunkt.

Diese Informationen werden später benötigt für:

- Review,
- Problem Management,
- Audits,
- Lessons Learned,
- und Continual Improvement.

---

**Nach der Wiederherstellung**

Mit der technischen Wiederherstellung endet die Arbeit häufig noch nicht.

Es folgen möglicherweise:

- Stabilitätsüberwachung,
- Benutzerinformation,
- Abschlusskommunikation,
- Ursachenanalyse,
- Problem Record,
- Review,
- Verbesserung der Dokumentation,
- Monitoring-Anpassung,
- Aktualisierung von Runbooks,
- und Bewertung der Kommunikation.

---

**Major Incident Review**

Nach Abschluss sollte geprüft werden:

- Was ist passiert?
- Wann begann die Störung?
- Wann wurde sie erkannt?
- Wann wurde eskaliert?
- Welche Maßnahmen waren wirksam?
- Wo gab es Verzögerungen?
- War die Kommunikation ausreichend?
- Waren Rollen und Verantwortlichkeiten klar?
- Hat der Workaround funktioniert?
- Welche Verbesserungen sind notwendig?

Ziel ist Lernen, nicht Schuldzuweisung.

---

**Lessons Learned**

Typische Ergebnisse können sein:

- bessere Dokumentation,
- neue Checklisten,
- Monitoring erweitern,
- Alarmgrenzen anpassen,
- Runbooks verbessern,
- Schulungen durchführen,
- Automatisierungen ergänzen,
- Serviceabhängigkeiten in der CMDB korrigieren,
- Lieferanteneskalation verbessern,
- Kommunikationsvorlagen überarbeiten.

Lessons Learned haben nur dann Wert, wenn daraus konkrete Maßnahmen entstehen.

---

**Problem Management einbeziehen**

Ein Major Incident führt häufig zu einem Problem Record.

Dadurch kann später untersucht werden:

- eigentliche Ursache,
- beitragende Faktoren,
- bekannte Fehler,
- Workaround,
- dauerhafte Lösung,
- notwendiger Change,
- Verbesserungsmaßnahmen.

Incident Management stellt den Service wieder her.

Problem Management sorgt dafür, dass die Ursache verstanden und zukünftige Wiederholungen möglichst vermieden werden.

---

**Typische Fehler**

**Fehler 1: Kein eindeutiger Owner**

Niemand verfolgt den Incident Ende zu Ende.

**Fehler 2: Ownership geht bei Eskalation verloren**

Das Ticket wird weitergegeben, aber niemand koordiniert mehr.

**Fehler 3: Zu späte Eskalation**

Erst nach SLA-Verletzung oder Managementbeschwerde wird reagiert.

**Fehler 4: Funktionale und hierarchische Eskalation werden verwechselt**

Es wird ein Spezialist benötigt, aber Management informiert – oder umgekehrt.

**Fehler 5: Major Incident wird nicht aktiviert**

Kriterien sind unklar oder niemand entscheidet.

**Fehler 6: Jeder kommuniziert etwas anderes**

Es fehlt ein Single Point of Communication.

**Fehler 7: Technische Vermutungen werden als Fakten veröffentlicht**

Vertrauen geht verloren, wenn Aussagen später korrigiert werden müssen.

**Fehler 8: Keine Dokumentation während der Störung**

Nachbereitung und Ursachenanalyse werden erschwert.

**Fehler 9: War Room ohne Koordination**

Viele Personen diskutieren, aber wenige Maßnahmen werden entschieden.

**Fehler 10: Nach Wiederherstellung keine Nachbereitung**

Die Organisation lernt nicht aus dem Incident.

**Fehler 11: Lessons Learned bleiben unverbindlich**

Verbesserungen werden beschlossen, aber nicht umgesetzt.

**Fehler 12: Problem Management wird nicht gestartet**

Die eigentliche Ursache bleibt unbekannt oder unbehandelt.

---

**Praxisbeispiel**

**08:15 Uhr**

Mehrere Standorte melden Ausfälle der zentralen Anmeldung.

**08:20 Uhr**

Incident wird als Major Incident bewertet.

**08:25 Uhr**

Major Incident Manager übernimmt die Koordination.

**08:30 Uhr**

Erste Statusmeldung wird veröffentlicht.

**08:40 Uhr**

Identity-, Netzwerk- und Cloud-Team arbeiten gemeinsam im War Room.

**09:05 Uhr**

Ein sicherer Workaround ist verfügbar.

**09:40 Uhr**

Service ist technisch wiederhergestellt.

**10:00 Uhr**

Abschlussmeldung wird veröffentlicht.

**10:30 Uhr**

Review-Termin und Problem Record werden erstellt.

---

**Checkliste Ownership**

- [ ] Owner eindeutig festgelegt
- [ ] Bearbeiter und Owner unterschieden
- [ ] Kommunikationsverantwortung geklärt
- [ ] Zielzeiten werden überwacht
- [ ] nächste Schritte sind dokumentiert
- [ ] Eskalationen werden verfolgt
- [ ] Abschluss wird geprüft

---

**Checkliste Eskalation**

- [ ] Eskalationsart korrekt gewählt
- [ ] funktionale Eskalation bei fehlendem Fachwissen
- [ ] hierarchische Eskalation bei Entscheidungs- oder Ressourcenbedarf
- [ ] relevante Informationen vollständig
- [ ] richtige Ansprechpartner beteiligt
- [ ] Grund der Eskalation dokumentiert
- [ ] Benutzerkommunikation geregelt
- [ ] Ownership bleibt klar

---

**Checkliste Major Incident**

- [ ] Major-Incident-Kriterien geprüft
- [ ] Major Incident bestätigt oder abgelehnt
- [ ] Owner festgelegt
- [ ] Major Incident Manager benannt
- [ ] War Room oder gemeinsamer Kanal eingerichtet
- [ ] beteiligte Teams informiert
- [ ] Lieferanten bei Bedarf eingebunden
- [ ] Kommunikationsverantwortung festgelegt
- [ ] erste Statusmeldung veröffentlicht
- [ ] Statusintervalle festgelegt
- [ ] Workaround geprüft
- [ ] Maßnahmen dokumentiert
- [ ] Wiederherstellung bestätigt
- [ ] Abschlusskommunikation erfolgt
- [ ] Review geplant
- [ ] Problem Record erstellt, falls erforderlich

---

**Bedeutung für Fachinformatiker für Systemintegration**

Auch wenn Fachinformatiker nicht immer selbst Incident Manager sind, sind sie häufig maßgeblich an der technischen Analyse und Wiederherstellung beteiligt.

Im Arbeitsalltag bedeutet das:

- strukturiert arbeiten,
- Ergebnisse sauber dokumentieren,
- technische Vermutungen von Fakten trennen,
- Änderungen nachvollziehbar durchführen,
- rechtzeitig eskalieren,
- andere Teams aktiv unterstützen,
- und verständlich kommunizieren.

Gerade bei größeren Störungen entscheidet oft nicht nur technisches Wissen, sondern auch Zusammenarbeit, Ownership und Koordination über die Dauer des Ausfalls.

---

**Zusammenfassung**

> Incident übernehmen  
> ↓  
> Owner eindeutig festlegen  
> ↓  
> Bearbeitung koordinieren  
> ↓  
> falls notwendig funktional oder hierarchisch eskalieren  
> ↓  
> Major Incident aktivieren, wenn Kriterien erfüllt sind  
> ↓  
> Rollen, Kommunikation und Statusintervalle festlegen  
> ↓  
> Teams und Lieferanten koordinieren  
> ↓  
> Service wiederherstellen  
> ↓  
> Ergebnis stabilisieren und kommunizieren  
> ↓  
> Review durchführen  
> ↓  
> Erkenntnisse in Problem Management, Knowledge Management und Continual Improvement übernehmen

---

**Verwandte Seiten**

- 3.5 Auswirkungen, Dringlichkeit und Priorität
- 3.6 Erstdiagnose, Lösung und funktionale Eskalation
- 3.8 Self-Service, Wissensnutzung und Automatisierung
- Problem Management
- Knowledge Management
- Continual Improvement
- Service Level Management
- Supplier Management

---

**Quellen und Versionsstand**

**Offizielle Grundlagen**

- PeopleCert – ITIL Practice Guide: Incident Management
- PeopleCert – ITIL Practice Guide: Service Desk
- PeopleCert – ITIL Practice Guide: Problem Management
- PeopleCert – ITIL Practice Guide: Service Level Management
- ITIL Foundation – Version 5

**Einordnung**

Die dargestellten:

- Rollen,
- Eskalationswege,
- Major-Incident-Kriterien,
- Statusintervalle,
- War-Room-Regeln,
- Checklisten,
- und Praxisbeispiele

sind herstellerneutrale Praxisempfehlungen.

ITIL schreibt keine universelle:

- Major-Incident-Definition,
- Eskalationsmatrix,
- Supportstufenstruktur,
- Statusintervallvorgabe,
- War-Room-Struktur,
- oder konkrete Rollenbesetzung

für alle Organisationen vor.

Die konkrete Ausgestaltung muss an:

- Services,
- Risiken,
- Service Levels,
- Organisation,
- Lieferanten,
- Kommunikationswege,
- Sicherheitsanforderungen,
- und Entscheidungsbefugnisse

angepasst werden.

**Behandelter Framework-Stand:** ITIL Version 5  
**Zusätzlich berücksichtigt:** aktuelle ITIL-4-Practice-Guidance  
**Fachlicher Stand:** August 2026