4.3 Workarounds und Known Errors

Kurz erklärt

Ein Workaround ist eine vorübergehende Möglichkeit, die Auswirkungen eines Incidents oder Problems zu umgehen oder zu reduzieren.

Ein Known Error ist ein bekanntes Problem oder ein bekannter Fehlerzustand, bei dem Ursache, Zusammenhang oder Fehlerbild ausreichend verstanden sind.

Workarounds und Known Errors helfen dabei, Incidents schneller zu bearbeiten, Benutzer arbeitsfähig zu halten und Wissen für den Service Desk nutzbar zu machen.


Warum Workarounds wichtig sind

Nicht jede Ursache kann sofort dauerhaft beseitigt werden.

Gründe können sein:

Ein Workaround kann in solchen Situationen helfen, die Auswirkungen zu begrenzen.

Beispiele:

Ein Workaround ist nicht automatisch schlecht.

Er wird problematisch, wenn er dauerhaft genutzt wird und die eigentliche Ursache nie bearbeitet wird.


Workaround und dauerhafte Lösung unterscheiden

Workaround Dauerhafte Lösung
reduziert oder umgeht Auswirkungen beseitigt Ursache oder Risiko nachhaltig
oft kurzfristig verfügbar benötigt häufig Analyse, Planung oder Change
kann Service schnell wieder nutzbar machen verhindert Wiederholung besser
Ursache kann bestehen bleiben Ursache wird behoben oder kontrolliert
muss dokumentiert und überwacht werden muss getestet und dauerhaft übernommen werden

Beispiel:

Ein VPN-Client verliert nach dem Ruhezustand die Verbindung.

Workaround

VPN-Client vollständig beenden und neu starten.

Dauerhafte Lösung

Fehlerhafte Client-Version aktualisieren oder Konfiguration korrigieren.


Was ist ein Known Error?

Ein Known Error ist ein Problem oder Fehlerzustand, der bekannt und ausreichend beschrieben ist.

Typische Merkmale:

Ein Known Error muss nicht bedeuten, dass bereits eine endgültige Lösung vorhanden ist.

Gerade deshalb ist die Dokumentation wichtig.


Problem, Known Error, Workaround und Lösung unterscheiden

Begriff Bedeutung
Problem Ursache oder mögliche Ursache eines oder mehrerer Incidents
Known Error bekanntes Problem oder bekannter Fehlerzustand mit dokumentiertem Wissen
Workaround vorübergehende Maßnahme zur Umgehung oder Reduzierung der Auswirkungen
dauerhafte Lösung Maßnahme zur Beseitigung der Ursache oder dauerhaften Risikoreduzierung

Beispiel:

Problem

Mehrere Benutzer verlieren regelmäßig die VPN-Verbindung.

Known Error

VPN-Client-Version 5.8 verursacht nach dem Ruhezustand fehlerhafte Tunnelzustände.

Workaround

VPN-Client vollständig beenden und neu starten.

Dauerhafte Lösung

Getestete Client-Version 5.9 über Change Enablement ausrollen.


Ein Workaround ist keine endgültige Lösung

Ein häufiger Fehler besteht darin, einen erfolgreichen Workaround als vollständige Lösung zu behandeln.

Beispiel:

Ein Dienst stürzt regelmäßig ab.

Der Service Desk startet den Dienst jedes Mal neu.

Dadurch ist der Service kurzfristig wieder verfügbar.

Die Ursache bleibt jedoch bestehen.

Mögliche offene Fragen:

Merke

Ein Workaround kann einen Incident lösen.

Er löst aber nicht automatisch das zugrunde liegende Problem.


Anforderungen an einen guten Workaround

Ein guter Workaround sollte:

Zu prüfen ist außerdem:


Ungeeignete Workarounds

Ein Workaround ist ungeeignet, wenn er:

Beispiel:

Benutzer sollen vertrauliche Dokumente über private E-Mail-Konten austauschen, weil der Dateiserver nicht erreichbar ist.

Das wäre technisch vielleicht möglich, aber organisatorisch und sicherheitlich ungeeignet.


Workaround dokumentieren

Ein Workaround sollte so dokumentiert sein, dass er wiederverwendbar ist.

Typische Inhalte:

Eine ungenaue Notiz reicht nicht aus.

Ungeeignet:

Client neu starten.

Besser:

VPN-Client vollständig beenden, prüfen ob der Prozess beendet ist, Client neu starten und erneut verbinden. Gilt nur für Windows-Notebooks mit Client-Version 5.8 nach Ruhezustand. Wenn Verbindung weiterhin fehlschlägt, an Netzwerkteam eskalieren.


Known Error dokumentieren

Ein Known Error sollte mindestens enthalten:

Ziel ist, dass Service Desk und Fachgruppen schneller erkennen:


Known Error Database

Organisationen können bekannte Fehler in einer Known Error Database oder in einem vergleichbaren Wissenssystem dokumentieren.

Das Werkzeug ist nicht entscheidend.

Möglich sind beispielsweise:

Wichtig ist:


Lebenszyklus eines Known Errors

Ein möglicher Ablauf:

wiederkehrender Incident erkannt
        ↓
Problem Record erstellt
        ↓
Ursache oder Fehlerzustand analysiert
        ↓
Known Error dokumentiert
        ↓
Workaround bereitgestellt
        ↓
dauerhafte Lösung geplant
        ↓
Change umgesetzt
        ↓
Wirksamkeit geprüft
        ↓
Known Error aktualisiert oder geschlossen

Nicht jeder Known Error folgt exakt diesem Ablauf.

Entscheidend ist, dass der Status nachvollziehbar bleibt.


Known Error offen lassen oder schließen

Ein Known Error sollte nicht einfach vergessen werden.

Mögliche Status:

Ein Known Error kann offen bleiben, wenn:

Dann müssen Workaround und Risiko weiterhin bekannt bleiben.


Workaround im Incident Management

Incident Management nutzt Workarounds, um den Service schnell wiederherzustellen.

Beispiele:

Wichtig:

Der Incident kann abgeschlossen werden, wenn der Benutzer wieder arbeitsfähig ist und die Organisation dies so definiert.

Das Problem kann trotzdem offen bleiben.


Workaround im Problem Management

Problem Management verwendet Workarounds, um Auswirkungen zu reduzieren, während die Ursache weiter untersucht wird.

Aufgaben:

Ein Workaround ist oft ein wichtiger Zwischenschritt zwischen Analyse und dauerhafter Lösung.


Workaround und Change Enablement

Ein Workaround kann selbst eine Änderung enthalten.

Beispiele:

Solche Maßnahmen müssen nach Risiko bewertet werden.

Nicht jeder Workaround darf ohne Change-Steuerung durchgeführt werden.

Die Organisation muss festlegen, welche Workarounds:


Workaround und Knowledge Management

Workarounds sind nur dann wertvoll, wenn sie gefunden und verstanden werden.

Deshalb sollten sie in Knowledge Management eingebunden werden.

Zu klären ist:

Ein Workaround, der nur in einem alten Ticket steht, hilft beim nächsten Incident kaum.


Workaround und Service Desk

Der Service Desk benötigt klare Informationen:

Beispiel:

Wenn Benutzer nach Ruhezustand keine VPN-Verbindung herstellen können und Client-Version 5.8 verwendet wird, Workaround aus Artikel KB-023 anwenden. Bei anderer Version oder Fehlermeldung an Netzwerkteam eskalieren.


Workaround und Benutzerkommunikation

Benutzer sollten verständlich informiert werden.

Wichtig ist:

Beispiel:

Für diesen Fehler gibt es aktuell eine sichere Zwischenlösung. Bitte starten Sie den VPN-Client vollständig neu und verbinden Sie sich anschließend erneut. Die Ursache wird weiter untersucht. Eine dauerhafte Korrektur ist in Vorbereitung.

Ungeeignet:

Das ist ein bekannter Bug, machen Sie einfach Neustart.


Risiken dauerhaft genutzter Workarounds

Wenn Workarounds dauerhaft genutzt werden, entstehen Risiken:

Ein Workaround sollte deshalb regelmäßig überprüft werden.

Fragen:


Known Error und Risikoakzeptanz

Nicht jeder Known Error wird sofort beseitigt.

Beispiel:

Ein selten auftretender Fehler betrifft eine alte Anwendung.

Der Workaround funktioniert zuverlässig.

Eine dauerhafte Lösung wäre sehr teuer und riskant.

Die Organisation kann entscheiden, das Risiko vorerst zu akzeptieren.

Dann sollte dokumentiert werden:


Known Error bei Lieferantenfehlern

Ein Known Error kann auch durch einen Hersteller oder Lieferanten bestätigt werden.

Beispiele:

Zu dokumentieren ist:

Auch wenn ein Lieferant verantwortlich ist, bleibt die interne Serviceverantwortung bestehen.


Known Error und Major Incident

Nach einem Major Incident kann ein Known Error entstehen.

Beispiel:

Ein zentraler Dienst fällt wegen einer bestimmten Datenbankversion aus.

Der Service wurde wiederhergestellt.

Die dauerhafte Korrektur benötigt aber ein geplantes Upgrade.

Bis dahin wird ein Known Error dokumentiert mit:

Dadurch kann bei Wiederholung schneller reagiert werden.


Beispiel: VPN-Client

Symptom

Benutzer verlieren nach dem Ruhezustand die VPN-Verbindung.

Problem

Mehrere Incidents mit gleichem Muster.

Known Error

VPN-Client-Version 5.8 verursacht nach Ruhezustand fehlerhafte Tunnelzustände.

Workaround

Client vollständig beenden und neu starten.

Dauerhafte Lösung

Version 5.9 testen und ausrollen.

Knowledge

Service Desk erhält einen Artikel mit Prüfschritten, Workaround und Eskalationskriterien.


Beispiel: Druckerwarteschlange

Symptom

Etiketten werden nicht gedruckt.

Problem

Druckwarteschlange blockiert regelmäßig durch bestimmte PDF-Dateien.

Known Error

Der aktuell installierte Druckertreiber verarbeitet bestimmte PDF-Formate fehlerhaft.

Workaround

Fehlerhaften Auftrag entfernen und Datei über alternative Druckoption ausgeben.

Dauerhafte Lösung

Treiberupdate testen und über Change Enablement ausrollen.


Beispiel: Zertifikat

Symptom

Anmeldung an Fachanwendung schlägt fehl.

Problem

Zertifikat des Anmeldedienstes ist abgelaufen.

Known Error

Zertifikatsablauf wird nicht überwacht und kann zu Anmeldeausfällen führen.

Workaround

Kein vollwertiger Workaround verfügbar.

Dauerhafte Lösung

Zertifikat erneuern, Monitoring einführen, Owner festlegen und Runbook erstellen.

Merke

Nicht jeder Known Error besitzt einen geeigneten Workaround.


Beispiel: Speicher läuft voll

Symptom

Server kann keine neuen Daten schreiben.

Problem

Logdateien wachsen unkontrolliert.

Known Error

Logrotation ist fehlerhaft konfiguriert.

Workaround

Temporäre Bereinigung nach Runbook durchführen.

Dauerhafte Lösung

Logrotation korrigieren, Monitoring-Grenzen anpassen und Verantwortlichkeit festlegen.


Typische Fehler

Fehler 1

Workaround wird als dauerhafte Lösung behandelt.


Fehler 2

Known Error wird nicht dokumentiert.


Fehler 3

Workaround steht nur in einem einzelnen Ticket.


Fehler 4

Service Desk kennt den Workaround nicht.


Fehler 5

Benutzer erhalten unsichere oder unklare Anweisungen.


Fehler 6

Workaround umgeht Sicherheitsregeln.


Fehler 7

Risiken und Einschränkungen werden nicht genannt.


Fehler 8

Known Errors bleiben dauerhaft offen, ohne Neubewertung.


Fehler 9

Dauerhafte Lösung wird nicht geplant oder verfolgt.


Fehler 10

Lieferantenfehler werden nicht intern dokumentiert.


Fehler 11

Workaround wird nicht getestet.


Fehler 12

Nach Umsetzung der dauerhaften Lösung wird der Knowledge-Artikel nicht aktualisiert.


Checkliste Workaround erstellen


Checkliste Known Error dokumentieren


Checkliste Workaround im Betrieb nutzen


Checkliste Known Error schließen


Bedeutung für Fachinformatiker für Systemintegration

Für Fachinformatiker ist der saubere Umgang mit Workarounds und Known Errors besonders wichtig.

Im Arbeitsalltag bedeutet das:

Ein guter Workaround spart Zeit.

Ein gut dokumentierter Known Error verhindert doppelte Analyse.

Eine dauerhafte Lösung verbessert den Service nachhaltig.


Zusammenfassung

Incident oder wiederkehrendes Fehlerbild erkennen

Problem oder mögliche Ursache untersuchen

Known Error dokumentieren

sicheren Workaround bereitstellen

Service Desk und Benutzer angemessen informieren

dauerhafte Lösung planen

Change bei Bedarf durchführen

Wirksamkeit prüfen

Known Error und Knowledge aktualisieren oder schließen


Merksätze

Ein Workaround ist hilfreich, aber nicht automatisch eine Lösung.

Ein Known Error muss auffindbar und verständlich dokumentiert sein.

Nicht jeder Known Error besitzt einen sicheren Workaround.

Workarounds dürfen Sicherheitsregeln nicht aushebeln.

Dauerhaft genutzte Workarounds sind ein Hinweis auf ungelöste Probleme.

Gute Known-Error-Dokumentation macht zukünftige Incidents schneller lösbar.


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Quellen und Versionsstand

Offizielle Grundlagen

Einordnung

Die dargestellten:

sind herstellerneutrale Praxisempfehlungen.

ITIL schreibt keine universelle:

für alle Organisationen vor.

Die konkrete Umsetzung muss an:

angepasst werden.

Behandelter Framework-Stand: ITIL Version 5
Zusätzlich berücksichtigt: aktuelle ITIL-4-Practice-Guidance
Fachlicher Stand: August 2026


Revision #1
Created 2 August 2026 15:04:45 by Admin
Updated 2 August 2026 15:05:00 by Admin