7.3 Known Errors, Workarounds und Wissensnutzung im Service Desk

Kurz erklärt

Known Errors und Workarounds sind besonders wichtig für den Service Desk.

Sie helfen dabei, bekannte Fehlerbilder schneller zu erkennen, Benutzer schneller wieder arbeitsfähig zu machen und wiederkehrende Incidents einheitlich zu bearbeiten.

Entscheidend ist, dass dieses Wissen verständlich dokumentiert, leicht auffindbar, aktuell und mit Incident-, Problem- und Knowledge Management verknüpft ist.


Warum Known Errors und Workarounds im Service Desk wichtig sind

Der Service Desk ist häufig die erste Stelle, die wiederkehrende Fehler bemerkt.

Beispiele:

Ohne dokumentiertes Wissen muss der Service Desk jeden Fall neu analysieren.

Mit gut gepflegten Known Errors und Workarounds kann er schneller reagieren.


Known Error

Ein Known Error ist ein bekannter Fehlerzustand oder ein bekanntes Problem, bei dem Ursache, wahrscheinliche Ursache oder Fehlerbild ausreichend verstanden sind.

Ein Known Error kann enthalten:

Ein Known Error muss nicht bedeuten, dass die endgültige Lösung bereits umgesetzt wurde.


Workaround

Ein Workaround ist eine vorübergehende Möglichkeit, die Auswirkungen eines Incidents oder Problems zu umgehen oder zu reduzieren.

Beispiele:

Ein Workaround ist hilfreich, aber nicht automatisch eine dauerhafte Lösung.


Known Error und Workaround unterscheiden

Begriff Bedeutung Beispiel
Known Error bekannter Fehlerzustand oder bekanntes Problem VPN-Client-Version 5.8 verliert nach Ruhezustand Verbindung
Workaround vorübergehende Maßnahme zur Umgehung VPN-Client vollständig beenden und neu starten
dauerhafte Lösung beseitigt Ursache oder reduziert Risiko dauerhaft neue VPN-Client-Version ausrollen
Knowledge-Artikel nutzbare Dokumentation für Zielgruppe Service-Desk-Artikel mit Symptomen und Prüfschritten

Warum Workarounds dokumentiert werden müssen

Ein Workaround, der nur einzelnen Personen bekannt ist, hilft nicht zuverlässig.

Typische Folgen fehlender Dokumentation:

Ein guter Workaround muss für die richtige Zielgruppe auffindbar und verständlich sein.


Ein Workaround ist keine endgültige Lösung

Ein häufiger Fehler ist, einen Workaround als Lösung zu behandeln.

Beispiel:

Ein Dienst stürzt regelmäßig ab.

Der Service Desk startet den Dienst jedes Mal neu.

Dadurch funktioniert der Service kurzfristig wieder.

Die eigentliche Ursache bleibt aber bestehen.

Offene Fragen:

Merke

Ein Workaround kann einen Incident abschließen.

Das zugrunde liegende Problem kann trotzdem offen bleiben.


Wissensnutzung im Service Desk

Der Service Desk sollte Knowledge aktiv nutzen.

Beispiele:

Knowledge Management ist nur wirksam, wenn das Wissen im Alltag verwendet wird.


Service-Desk-Artikel zu Known Errors

Ein guter Service-Desk-Artikel zu einem Known Error enthält:

Der Artikel muss so geschrieben sein, dass der Service Desk ihn unter Zeitdruck nutzen kann.


Beispielstruktur für einen Known-Error-Artikel

Abschnitt Inhalt
Titel VPN verbindet nach Ruhezustand nicht mehr
Betroffener Service VPN-Zugang
Symptom Verbindung bricht nach Standby ab
Betroffen Windows-Notebooks mit Client-Version 5.8
Prüfung Clientversion und Fehlerbild abgleichen
Workaround VPN-Client vollständig beenden und neu starten
Eskalation bei anderer Version an Netzwerkteam
Problem Record verknüpft
Dauerhafte Lösung Rollout Version 5.9 geplant
Review nach Rollout prüfen

Titel und Suchbegriffe

Known-Error-Artikel müssen über typische Suchbegriffe gefunden werden.

Ungeeignet:

Fehlercode 0x802-VPN-Tunnelstate

Besser:

VPN verbindet nach Ruhezustand nicht mehr

Ungeeignet:

Problem mit Auth-Komponente

Besser:

Anmeldung im Mitarbeiterportal schlägt fehl

Ein guter Titel nutzt die Sprache, die im Ticket oder im Benutzerkontakt tatsächlich vorkommt.


Symptome klar beschreiben

Der Service Desk muss schnell erkennen können, ob ein neuer Incident zum Known Error passt.

Gute Symptombeschreibungen enthalten:

Beispiel:

Fehler tritt nur nach Ruhezustand auf Windows-Notebooks mit VPN-Client-Version 5.8 auf. Wenn der Fehler direkt nach Neustart oder bei anderer Version auftritt, gilt dieser Known Error nicht automatisch.


Prüfschritte

Prüfschritte helfen, den Known Error sicher zu erkennen.

Beispiele:

Prüfschritte sollten kurz, eindeutig und reproduzierbar sein.

Ungeeignet:

Prüfen, ob es das bekannte Problem ist.

Besser:

VPN-Client-Version prüfen. Gilt nur für Version 5.8. Fehler tritt nach Ruhezustand auf. Wenn Version abweicht, an Netzwerkteam eskalieren.


Workaround-Schritte

Ein Workaround muss so beschrieben sein, dass er sicher ausgeführt werden kann.

Er sollte enthalten:

Ungeeignet:

Client neu starten.

Besser:

VPN-Client vollständig beenden, prüfen ob kein VPN-Prozess mehr läuft, Client erneut starten und Verbindung testen. Wenn Verbindung weiterhin fehlschlägt, Ticket an Netzwerkteam eskalieren.


Wann der Workaround nicht angewendet werden darf

Ein guter Artikel beschreibt auch Grenzen.

Beispiele:

Diese Grenzen verhindern, dass ein Workaround falsch oder riskant angewendet wird.


Risiken eines Workarounds

Workarounds können Risiken haben.

Beispiele:

Deshalb sollten Risiken im Artikel genannt werden.

Ein Workaround ohne Risikohinweis kann zu falscher Anwendung führen.


Eskalationskriterien

Ein Service-Desk-Artikel sollte klar sagen, wann eskaliert werden muss.

Beispiele:

Eskalationskriterien verhindern unnötige Verzögerungen.


Ticketdokumentation

Wenn ein Known Error oder Workaround genutzt wurde, sollte das Ticket sauber dokumentiert werden.

Wichtige Angaben:

Gute Ticketdokumentation unterstützt Trendanalyse und Problem Management.


Verknüpfung mit Problem Management

Known Errors entstehen oft aus Problem Management.

Problem Management liefert:

Der Service Desk nutzt dieses Wissen im Incident Management.

Neue Incidents liefern wiederum Informationen zurück an Problem Management.


Wann der Service Desk Problem Management informieren sollte

Problem Management sollte informiert werden, wenn:

Der Service Desk ist eine wichtige Frühwarnquelle.


Verknüpfung mit Change Enablement

Eine dauerhafte Lösung für einen Known Error benötigt häufig einen Change.

Beispiele:

Der Knowledge-Artikel sollte zeigen:


Verknüpfung mit Release Management

Nach einem Release kann sich der Status eines Known Errors ändern.

Beispiele:

Nach Releases sollten relevante Knowledge-Artikel geprüft werden.


Verknüpfung mit Service Configuration Management

Known Errors und Workarounds sollten mit Services und CIs verknüpft werden.

Beispiele:

Vorteile:


Benutzerkommunikation bei Known Errors

Benutzer sollten verständlich informiert werden.

Gute Kommunikation enthält:

Ungeeignet:

Das ist ein bekannter Bug, einfach neu starten.

Besser:

Für dieses VPN-Problem gibt es aktuell eine sichere Zwischenlösung. Bitte schließen Sie den VPN-Client vollständig und starten Sie ihn erneut. Die Ursache ist bekannt, eine dauerhafte Korrektur wird vorbereitet.


Interne und externe Artikel trennen

Ein Known Error kann verschiedene Artikel benötigen.

Benutzerartikel

Service-Desk-Artikel

Fachteam-Artikel

Nicht jedes Detail gehört in jeden Artikel.


Known Error ohne Workaround

Nicht jeder Known Error besitzt einen sicheren Workaround.

Beispiele:

Dann muss der Artikel klar sagen:

Ein fehlender Workaround sollte ausdrücklich dokumentiert werden.


Known Error mit Risikoakzeptanz

Manche Known Errors bleiben längere Zeit offen.

Gründe:

Dann sollte dokumentiert werden:


Knowledge-Artikel im Ticket vorschlagen

Viele ITSM-Systeme können Artikel im Ticket vorschlagen.

Grundlagen dafür:

Automatische Vorschläge helfen nur, wenn die Artikelqualität gut ist.

Schlechte Vorschläge führen dazu, dass Mitarbeitende die Funktion ignorieren.


Nutzung messen

Die Nutzung von Known-Error- und Workaround-Artikeln sollte ausgewertet werden.

Mögliche Fragen:

Diese Daten helfen, Wissen und Problems gezielt zu verbessern.


Artikelqualität aus Service-Desk-Sicht

Ein Service-Desk-Artikel ist gut, wenn er:

Der Artikel muss im Arbeitsfluss helfen, nicht nur formal existieren.


Feedback aus dem Service Desk

Der Service Desk sollte Feedback zu Artikeln geben können.

Beispiele:

Feedback muss bearbeitet werden.

Sonst verliert der Service Desk Vertrauen in die Knowledge Base.


Wissenspflege nach gelösten Incidents

Nach gelösten Incidents sollte geprüft werden:

Diese Prüfung muss nicht bei jedem kleinen Ticket ausführlich sein.

Bei wiederkehrenden oder auffälligen Fällen ist sie sehr wertvoll.


Wissenspflege nach Problem-Abschluss

Nach Problem Management sollten relevante Artikel aktualisiert werden.

Zu prüfen ist:

Problem-Abschluss ohne Knowledge-Prüfung führt dazu, dass Wissen im Betrieb nicht ankommt.


Wissenspflege nach Change oder Release

Nach Changes und Releases muss geprüft werden:

Ein veralteter Workaround kann nach einem Release neue Probleme verursachen.


Praxisbeispiel: VPN Known Error

Situation

Nach dem Ruhezustand verlieren Windows-Notebooks die VPN-Verbindung.

Known Error

VPN-Client-Version 5.8 verliert nach Ruhezustand den Tunnelzustand.

Service-Desk-Artikel

Nutzen

Der Service Desk erkennt den Fall schneller und dokumentiert ihn einheitlich.


Praxisbeispiel: Druckertreiber

Situation

Etikettendruck funktioniert bei bestimmten PDF-Dateien nicht.

Known Error

Der installierte Treiber verarbeitet bestimmte PDF-Formate fehlerhaft.

Workaround

Fehlerhaften Druckauftrag entfernen und alternative Druckoption nutzen.

Dauerhafte Lösung

Treiberupdate testen und ausrollen.

Knowledge-Nutzen

Service Desk kann betroffene Fälle schneller erkennen und vermeidet unnötige Hardwaretauschversuche.


Praxisbeispiel: Kein Workaround verfügbar

Situation

Anmeldung an einer Fachanwendung schlägt wegen abgelaufenem Zertifikat fehl.

Known Error

Zertifikat des Anmeldedienstes ist abgelaufen.

Workaround

Kein sicherer Workaround verfügbar.

Service-Desk-Anweisung

Nutzen

Der Service Desk reagiert klar und sicher.


Praxisbeispiel: Artikel veraltet nach Release

Situation

Nach einem Release ändert sich der Menüpfad für eine Funktion.

Problem

Der alte Benutzerartikel beschreibt den früheren Menüpfad.

Folge

Benutzer erstellen Tickets, obwohl die Funktion verfügbar ist.

Verbesserung

Change- und Release-Abschluss enthalten künftig eine Prüfung betroffener Knowledge-Artikel.


Typische Fehler

Fehler 1

Known Error ist bekannt, aber nicht dokumentiert.


Fehler 2

Workaround steht nur in einem alten Ticket.


Fehler 3

Service Desk kennt den Workaround nicht.


Fehler 4

Artikel beschreibt nicht, wann der Workaround nicht gilt.


Fehler 5

Risiken werden nicht genannt.


Fehler 6

Known Error wird nicht mit Problem Record verknüpft.


Fehler 7

Artikel wird nach Change oder Release nicht aktualisiert.


Fehler 8

Benutzer erhalten interne technische Details.


Fehler 9

Kein Workaround verfügbar, aber der Artikel sagt das nicht ausdrücklich.


Fehler 10

Service Desk dokumentiert nicht, welcher Artikel genutzt wurde.


Fehler 11

Häufig genutzte Workarounds werden nicht an Problem Management gemeldet.


Fehler 12

Feedback aus dem Service Desk wird nicht bearbeitet.


Checkliste Known-Error-Artikel


Checkliste Workaround


Checkliste Service Desk Nutzung


Checkliste Wissenspflege


Bedeutung für Fachinformatiker für Systemintegration

Fachinformatiker unterstützen Known Errors und Workarounds durch technisches Verständnis und saubere Dokumentation.

Im Arbeitsalltag bedeutet das:

Gute Workaround- und Known-Error-Dokumentation spart Zeit und erhöht die Qualität im Support.


Zusammenfassung

Wiederkehrendes Fehlerbild erkennen

Problem oder Known Error dokumentieren

Symptome und betroffene Versionen beschreiben

sicheren Workaround bereitstellen oder Nichtverfügbarkeit kennzeichnen

Service-Desk-Artikel erstellen

Artikel mit Service, CI, Problem und Change verknüpfen

Service Desk nutzt Artikel im Incident

Nutzung und Feedback auswerten

dauerhafte Lösung verfolgen

Artikel nach Change oder Release aktualisieren


Merksätze

Ein Known Error muss auffindbar sein, sonst hilft er dem Service Desk nicht.

Ein Workaround ist hilfreich, aber keine automatische Dauerlösung.

Jeder Workaround braucht Grenzen, Risiken und Eskalationskriterien.

Kein Workaround verfügbar ist ebenfalls eine wichtige Information.

Service Desk Feedback verbessert die Knowledge Base.

Häufig genutzte Workarounds sind ein Hinweis auf ungelöste Problems.

Nach Changes und Releases müssen Known Errors und Workarounds überprüft werden.


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Quellen und Versionsstand

Offizielle Grundlagen

Ergänzende Praxiseinordnung

Einordnung

Die dargestellten:

sind herstellerneutrale Praxisempfehlungen.

ITIL schreibt keine universelle:

für alle Organisationen vor.

Die konkrete Umsetzung muss an:

angepasst werden.

Behandelter Framework-Stand: ITIL Version 5
Zusätzlich berücksichtigt: aktuelle ITIL-4-Practice-Guidance
Fachlicher Stand: August 2026


Revision #1
Created 2 August 2026 16:36:12 by Admin
Updated 2 August 2026 16:36:24 by Admin