9.3 Genehmigungen und Freigabeverfahren Kurz erklärt Nicht jeder Service Request darf sofort ausgeführt werden. Viele Leistungen verursachen Kosten, verändern Berechtigungen oder beeinflussen Sicherheit und Compliance. Deshalb benötigen bestimmte Requests vor der Bearbeitung eine oder mehrere Genehmigungen. Ziel ist es, Risiken zu reduzieren, Verantwortlichkeiten eindeutig festzulegen und gleichzeitig unnötige Wartezeiten zu vermeiden. Warum Genehmigungen notwendig sind Genehmigungen stellen sicher, dass eine angeforderte Leistung berechtigt, sinnvoll und zulässig ist. Sie helfen dabei: unberechtigte Zugriffe zu verhindern, Kosten zu kontrollieren, Sicherheitsrichtlinien einzuhalten, gesetzliche Vorgaben umzusetzen, Verantwortlichkeiten nachzuweisen, Änderungen nachvollziehbar zu dokumentieren. Eine Genehmigung bedeutet dabei nicht automatisch eine lange Bearbeitungszeit. Gut definierte Standardprozesse können Genehmigungen weitgehend automatisieren. Was ist eine Genehmigung? Eine Genehmigung ist die formelle Zustimmung einer berechtigten Person oder Stelle zur Durchführung eines Service Requests. Die Genehmigung bestätigt beispielsweise: der Benutzer darf die Leistung erhalten, Budget steht zur Verfügung, Sicherheitsanforderungen sind erfüllt, Unternehmensrichtlinien werden eingehalten, Risiken sind akzeptiert. Erst danach beginnt – sofern erforderlich – die eigentliche Bearbeitung. Nicht jeder Request benötigt eine Genehmigung Viele Standardleistungen können ohne zusätzliche Freigabe bereitgestellt werden. Beispiele: Passwort zurücksetzen Entsperren eines Benutzerkontos Abrufen eines Knowledge-Artikels Installation bereits freigegebener Standardsoftware Download eines Druckertreibers Hier würde eine zusätzliche Genehmigung lediglich den Prozess unnötig verzögern. Wann Genehmigungen sinnvoll sind Eine Genehmigung ist häufig erforderlich bei: neuer Software kostenpflichtigen Lizenzen zusätzlicher Hardware erweiterten Berechtigungen Administratorrechten VPN-Zugängen Cloud-Ressourcen neuen Benutzerkonten Zugriff auf sensible Daten Änderungen an sicherheitskritischen Systemen Je höher Risiko oder Kosten, desto wichtiger wird eine Freigabe. Typische Genehmigungsstellen Je nach Organisation können unterschiedliche Stellen beteiligt sein. Beispiele: Anfrage Genehmigung Notebook Vorgesetzter Softwarelizenz Lizenzmanagement Administratorrechte Informationssicherheit SAP-Berechtigung Fachbereich Cloud-Ressourcen Kostenstellenverantwortlicher VPN-Zugang Vorgesetzter oder IT-Sicherheit Mobiltelefon Einkauf oder Kostenstelle Die zuständige Stelle sollte im Request Model eindeutig definiert sein. Einfacher Genehmigungsprozess Ein typischer Ablauf: Benutzer stellt Request │ ▼ Genehmigung erforderlich? │ ┌────┴────┐ │ │ Nein Ja │ │ ▼ ▼ Bearbeitung Genehmigung │ │ └────┬────┘ ▼ Bereitstellung │ ▼ Request schließen Nicht jeder Request durchläuft denselben Ablauf. Mehrstufige Genehmigungen Komplexere Requests können mehrere Freigaben benötigen. Beispiel: Ein Administratorzugang wird beantragt. Mögliche Reihenfolge: Vorgesetzter Informationssicherheit Systemverantwortlicher Erst nach allen Genehmigungen beginnt die technische Umsetzung. Parallele Genehmigungen Nicht alle Freigaben müssen nacheinander erfolgen. Sind Genehmigungen unabhängig voneinander, können sie parallel eingeholt werden. Vorteile: kürzere Bearbeitungszeit, weniger Wartezeiten, bessere Planbarkeit. Dies wird von vielen ITSM-Systemen unterstützt. Genehmigungsregeln Ein Request Model sollte eindeutig festlegen: Wer genehmigt? Wann wird genehmigt? Welche Kriterien gelten? Wann entfällt eine Genehmigung? Was passiert bei einer Ablehnung? Gibt es Vertretungsregelungen? Welche Fristen gelten? Klare Regeln vermeiden Rückfragen und Verzögerungen. Genehmigung ist keine technische Prüfung Die Genehmigung beantwortet in erster Linie organisatorische Fragen. Beispiele: Ist die Software notwendig? Ist Budget vorhanden? Darf der Benutzer den Zugriff erhalten? Ist die Anfrage nachvollziehbar? Die technische Umsetzung erfolgt anschließend durch die zuständigen IT-Teams. Ablehnung eines Requests Nicht jeder Request wird genehmigt. Mögliche Gründe: fehlendes Budget, unzureichende Begründung, Sicherheitsrisiko, fehlende Berechtigung, Lizenz nicht verfügbar, Richtlinie verbietet die Leistung, falscher Antrag. Eine Ablehnung sollte dokumentiert und nachvollziehbar begründet werden. Vertretungsregelungen Genehmigungen dürfen nicht von einzelnen Personen abhängig sein. Deshalb sollten Vertretungen definiert werden. Beispiele: Abwesenheit wegen Urlaub, Krankheit, Dienstreise, organisatorische Änderungen. Fehlende Vertretungen führen häufig zu langen Bearbeitungszeiten. Fristen für Genehmigungen Viele Organisationen definieren Zielzeiten. Beispiele: Genehmigung Zielzeit Vorgesetzter 1 Arbeitstag Lizenzmanagement 4 Stunden Informationssicherheit 2 Arbeitstage Einkauf 3 Arbeitstage Werden Fristen überschritten, kann eine Erinnerung oder Eskalation erfolgen. Automatische Genehmigungen Einige Requests können automatisch genehmigt werden. Beispiele: Standardsoftware innerhalb einer Abteilung zweiter Monitor nach Unternehmensrichtlinie Passwort zurücksetzen Druckertreiber installieren Voraussetzung ist, dass alle Regeln bereits definiert wurden. Bedingte Genehmigungen Manche Genehmigungen hängen von Bedingungen ab. Beispiele: Hardwarewert über 1.000 Euro Administratorrechte länger als 24 Stunden Zugriff auf personenbezogene Daten Software außerhalb des Standardportfolios Sind die Bedingungen nicht erfüllt, entfällt die zusätzliche Freigabe. Genehmigungen dokumentieren Jede Genehmigung sollte nachvollziehbar gespeichert werden. Typische Informationen: Genehmiger Datum Entscheidung Bemerkung Version des Requests eventuelle Auflagen Dadurch bleibt später nachvollziehbar, warum eine Leistung bereitgestellt wurde. Genehmigungen und Compliance Viele gesetzliche oder interne Vorgaben verlangen dokumentierte Genehmigungen. Beispiele: ISO/IEC 27001 Datenschutz Informationssicherheitsrichtlinien interne Compliance-Vorgaben Lizenzmanagement Finanzvorgaben Eine fehlende Dokumentation kann später zu Problemen bei Audits führen. Genehmigungen und Least Privilege Das Prinzip der minimalen Berechtigung spielt eine wichtige Rolle. Benutzer sollen nur die Rechte erhalten, die sie tatsächlich benötigen. Deshalb benötigen insbesondere folgende Requests häufig zusätzliche Genehmigungen: Administratorrechte Datenbankzugriffe Domänenadministration Firewall-Änderungen Cloud-Administrationsrechte Zugriff auf personenbezogene Daten Temporäre Berechtigungen Nicht jede Berechtigung muss dauerhaft vergeben werden. Beispiele: Administratorrechte für einen Tag Projektzugriff für vier Wochen Testumgebung bis Projektende externer Zugriff bis Wartungsende Nach Ablauf sollte die Berechtigung automatisch entzogen werden. Genehmigungen regelmäßig überprüfen Genehmigungsprozesse sollten regelmäßig bewertet werden. Fragen dabei: Gibt es unnötige Freigaben? Entstehen lange Wartezeiten? Werden Genehmigungen häufig abgelehnt? Können Schritte automatisiert werden? Stimmen Verantwortlichkeiten noch? Haben sich Richtlinien geändert? Ein effizienter Prozess schützt die Organisation, ohne die Benutzer unnötig auszubremsen. Praxisbeispiel Ein Entwickler benötigt Administratorrechte auf seinem Notebook. Der Ablauf: Entwickler stellt Request. Vorgesetzter bestätigt die Notwendigkeit. Informationssicherheit prüft das Risiko. IT vergibt die Berechtigung. Die Rechte gelten nur für zwei Wochen. Nach Ablauf werden sie automatisch entfernt. So bleiben Sicherheit und Nachvollziehbarkeit gewährleistet. Typische Fehler Fehler 1 Jeder Request benötigt dieselben Genehmigungen. Fehler 2 Genehmigungen sind nicht dokumentiert. Fehler 3 Vertretungen fehlen. Fehler 4 Genehmigungen verzögern Standardleistungen unnötig. Fehler 5 Ablehnungen werden nicht begründet. Fehler 6 Administratorrechte werden dauerhaft vergeben. Fehler 7 Genehmigungsregeln sind unklar. Fehler 8 Abgelaufene Berechtigungen werden nicht entfernt. Fehler 9 Genehmigungen erfolgen außerhalb des ITSM-Systems und sind später nicht nachvollziehbar. Fehler 10 Genehmigungsprozesse werden nie überprüft oder verbessert. Checkliste Genehmigungen Genehmigung erforderlich? Genehmiger eindeutig definiert Antrag vollständig Voraussetzungen erfüllt Fristen berücksichtigt Vertretung vorhanden Entscheidung dokumentiert Benutzer informiert Bereitstellung durchgeführt Request abgeschlossen Checkliste Berechtigungs-Requests Benutzer eindeutig identifiziert Berechtigung notwendig Least-Privilege-Prinzip eingehalten Genehmigung dokumentiert Ablaufdatum definiert (falls erforderlich) Protokollierung aktiviert regelmäßige Überprüfung geplant Entzug nach Ablauf vorgesehen Bedeutung für Fachinformatiker für Systemintegration Fachinformatiker setzen viele genehmigte Service Requests technisch um. Typische Aufgaben: Benutzerkonten erstellen, Gruppenberechtigungen vergeben, Administratorrechte einrichten, Software bereitstellen, Hardware ausgeben, Dokumentationen pflegen, Genehmigungen prüfen, zeitlich begrenzte Berechtigungen verwalten. Dabei müssen technische Umsetzung und dokumentierte Genehmigung immer zusammenpassen. Zusammenfassung Benutzer stellt Request ↓ Genehmigung erforderlich? ↓ Genehmiger prüfen Anfrage ↓ Freigabe oder Ablehnung ↓ Bereitstellung der Leistung ↓ Dokumentation ↓ Benutzer informieren ↓ Request abschließen Merksätze Nicht jeder Service Request benötigt eine Genehmigung. Genehmigungen schützen Sicherheit, Budget und Compliance. Standardleistungen sollten möglichst automatisiert freigegeben werden. Administratorrechte sollten zeitlich begrenzt vergeben werden. Genehmigungen müssen nachvollziehbar dokumentiert sein. Verwandte Seiten 9.1 Ziele und Grundlagen des Service Request Management 9.2 Request Model und Standard Requests 9.4 Erfüllung, Automatisierung und Self-Service 9.5 Zusammenspiel mit Incident, Change, Knowledge und Service Level Management Information Security Management Service Level Management Knowledge Management Quellen und Versionsstand Offizielle Grundlagen PeopleCert – ITIL Practice Guide: Service Request Management PeopleCert – ITIL Practice Guide: Information Security Management ITIL Foundation – Version 5 Einordnung Die dargestellten Genehmigungsprozesse, Beispiele und Rollen sind herstellerneutrale Praxisempfehlungen. ITIL schreibt keine festen Genehmigungsstufen oder Freigabeworkflows vor. Organisationen definieren diese anhand ihrer Sicherheitsrichtlinien, Compliance-Anforderungen und Geschäftsprozesse. Behandelter Framework-Stand: ITIL Version 5 Zusätzlich berücksichtigt: aktuelle ITIL-4-Practice-Guidance Fachlicher Stand: August 2026